Teil 1
„Ich bin Bill, Bill Kaulitz. Du weißt schon. Der von Tokio Hotel!", ich sah ihn fassungslos an. „Wie bitte?!"Doch wie war es eigentlich soweit gekommen? Wir waren nach Hamburg gezogen. Eine neue Stadt. Eine neue Wohnung. Ein neues Leben? Ja, vielleicht. Ich erhoffte mir so viel von diesem Umzug. Alte Erinnerungen wollte ich loswerden und nicht nur immer trauern. Trauern um meine Mutter. Sie war ein halbes Jahr zuvor völlig überraschend gestorben. Wegen eines unentdeckten Gehirntumors. Wie lange hatte ich gelitten. Gelitten wegen ihres Todes. Ihr Tod. Er hatte unser Glück zerstört. Mein Vater war danach so völlig aufgelöst gewesen, er hatte es lange einfach nicht begreifen und akzeptieren können. Erst nach einem knappen halben Jahr hatte er das alles verarbeitet. Ich hatte zwar auch sehr gelitten, aber ich hatte meine Gefühle und Gedanken darüber meistens für mich behalten oder in mein Tagebuch geschrieben. Das hatte es mir grundsätzlich viel leichter gemacht, den Tod meiner Mutter zu verstehen. Aber es war natürlich nicht so, wie wenn ich mit einem Menschen darüber reden konnte. Aber das durfte für mich kein Psychiater sein, der sich zum Schein mein Vertrauen erschlich. Das musste jemand Nahestehendes sein, dem ich mein Vertrauen freiwillig schenkte, aber diesen Jemand gab es in meinem Leben nicht. Ich hatte nur mein Tagebuch. Mein Tagebuch, dem ich alles erzählte. Auch wenn es mir nicht antworten, trösten oder Ratschläge geben konnte. So hatte ich wenigstens etwas. Na, und wenn ich jetzt an meine Mutter dachte, hatte ich auch keine Tränen mehr in den Augen, sondern ein Lächeln auf den Lippen. Ich dachte dann an unsere schönen, glücklichen Jahre zurück, das hatte ich ihr am Grab versprochen.Und nun waren wir weggezogen aus Köln, weil es keinen wirklichen Sinn mehr machte, das Haus noch zu halten. Außerdem wurden auch so immer wieder mehrmals täglich alte Erinnerungen wach und die Trauer zog wie ein giftiges Gas durch alle Räumen. Und nun ging’s von Köln nach Hamburg. Dort hatte mein Vater eine vernünftige, neue Arbeit gefunden und er erhoffte sich, so Abstand von der Vergangenheit nehmen zu können.Es war gerade das Ende der Sommerferien hier. Ich hatte die ersten Tage damit verbracht, die unzähligen Kisten zum Teil auszupacken und ein bisschen Ordnung in unsere neue Wohnung zu kriegen. Mein Vater stürzte sich gleich in die Arbeit und half dementsprechend nicht mit. Na, mir sollte es Recht sein. Ich hatte an dem letzten Feriensamstag vor, mir die Innenstadt ein bisschen anzuschauen und shoppen zu gehen. Gut, dass die Hamburger Innenstadt nicht allzu kompliziert gebaut war. Und das U-Bahnnetz überforderte mich auch nicht. So fand ich die Boutiquenmeile recht schnell. Erst mal schaute ich ein bisschen in die Schaufenster und beschloss dann, mal in das ein oder andere Geschäft reinzugehen. Die Nietengürtel, die es hier gab, kannte ich aus Köln gar nicht. Deswegen schaute ich in einem Laden gleich mal rein. Doch die Preise waren leider etwas zu hoch für den Inhalt meines Portemonnaies und so ging ich in den nächsten Laden. Der war etwas größer als der letzte. Mir fiel gleich eine schwarze Hose ins Auge, die mir sehr gut gefiel. Ich suchte sie mir in meiner Größe raus und machte mich auf die Suche nach den Umkleidekabinen.Erst nach ein paar Minuten fand ich sie, obwohl es doch ein paar Wegweiser gab. Ich nahm die Hose mit rein und zog sie an. Sie saß wie für mich geschnitten. Um die Wirkung im vollen Licht zu betrachten, schob ich den Kabinenvorhang beiseite und trat vor. Ich sah in den Spiegel. Auf den ersten Blick wirkte es etwas merkwürdig. Ich drehte mich um und begutachtete das Aussehen von hinten. Plötzlich stand da ein Junge vor mir. Schwarze Haare sah ich an den Seiten der tief ins Gesicht gezogenen Cap. Komischer Typ. Als wollte der sich vor irgendwem verstecken...! Doch bevor ich mir auch nur seine Kleidung anschauen konnte, sagte er: „Sieht gut aus. Steht dir..."„Danke...", ja. Richtig so, Lana. Mann, was hasste ich es, so schüchtern zu sein. Nur ein Danke bekam ich raus. Mann, mann, mann! Ich drehte mich um und tapste zurück in meine Kabine. Den Jungen beachtete ich nicht mehr, ich traute mich einfach nicht. Dazu hatte ich auch in den letzten sechs Monaten zu wenig mit fremden Menschen zu tun gehabt. Obwohl ich ein Mensch war, der eh nicht so viel Gesellschaft brauchte, war die Zeit nach dem Tod meiner Mutter hart gewesen. Ich war schon immer zu schüchtern gewesen, mir Freunde zu suchen. Klar, es lag an mir selbst. Aber was sollte ich tun?!Ich zog die Hose wieder aus und meine normale wieder an. Als ich die Kabine verließ, warf ich dem Jungen noch einen kurzen Blick zu. Er schien in irgendeiner Weise in Gedanken zu sein, er hatte ein recht kleines T-Shirt über den Arm hängen und stand direkt vor der Kabine. Für mich sah das ein bisschen danach aus, als würde er zögern, da hinein zu gehen. Aber ich beachtete ihn nicht weiter. Was interessierte er mich?! Und Typen, die mich mit ´nem Kompliment anbaggerten, konnte ich ja eh nicht ausstehen.Nach dem Bezahlen verließ ich den Laden und setzte mich dann erst mal auf eine Bank auf einem kleinen, abgelegenen Platz, wo es einen kleinen Springbrunnen gab. Ich sah hoch in die Sonne, die den Tag heute so schön erhellte. Irgendetwas Verzaubertes lag darin. Dieser Tag würde was ganz Besonderes werden, das hatte ich im Gefühl. Aber was war das denn für ein Tag?! Was sollte bei einem kleinen Stadtbummel schon groß passieren?!Auf dem Rückweg nach Hause dachte ich jedoch noch mal über den Jungen nach. Irgendwie fand ich es merkwürdig, dass er mir hinterher hintergeschaut hatte. Noch nie hatten Jungs mir hinterhergeschaut. Mir schüchternen Mädel. Nonne. Mann, wie ich es hasste!? Na, aber der Typ konnte ja auch nicht wissen, was für ein Typ von Mädel ich war. Das konnte man einem ja nicht ansehen...! Vielleicht manchmal zu meinem Glück. Oh, mann! Was dachte ich denn jetzt so über diesen Boy nach?! Den würde ich wahrscheinlich eh nie wiedersehen! Oder doch...?! Ach, Quatsch! Hamburg war so eine Riesen-Stadt! Dan musste man schon verdammt Glück haben, jemanden noch mal zu treffen. Also, Schluss damit!Der Sonntag verging ruhig. Ich packte meine Tasche für nächsten Tag, den ersten an der neuen Schule. Und ich faulenzte. Aber ich war auch unheimlich nervös?!Was würde diese neue Stadt mir bringen?! Meinem Leben?! Würde sich was ändern? Und wie würde die neue Klasse zu mir sein?Tagebucheintrag:Liebes Tagebuch,Ich hab’ ein bisschen Angst vor der neuen Schule und eben besonders vor der Klasse. Ich hoffe, es wird alles gut.Ansonsten waren meine letzten Tage nicht besonders aufregend. Papa geht wie immer, seit wir hier sind, Überstunden schieben und versucht so, Mama zu vergessen. Ich meine, schön und gut. Soll er doch auch! Aber er kümmert sich gar nicht mehr um mich. Klar, ich kann ja mittlerweile ziemlich gut für mich selbst sorgen, aber so?! Das kann doch wohl echt nicht sein Ernst sein, oder?! Ich meine, kann der Typ sich denn nicht auch vorstellen, dass ich Mama auch total vermisse?! Immer wenn ich an sie denken muss, heule ich beinahe. Und früher war er immer für mich da und hat mich getröstet. Und jetzt?! Jetzt ist er praktisch durchgängig auf der Arbeit. Das ist voll dumm! Und ich habe ja auch sonst keinen, den ich von meinen Problemen und so erzählen kann. Ich halte das kaum noch aus. Gut, dass ich dich hab’, liebes Tagebuch, du bist fast wie ein guter Freund. Danke, dass du mir immer zuhörst. Aber leider kannst du ja nie antworten.Na ja, und gestern der Tag war ganz okay. Ich bin erst mal shoppen gegangen. Hamburg ist ´ne ziemlich große Stadt würd’ ich mal sagen. Na ja, und Shoppen würd’ hier ja auch Spaß machen, aber irgendwie vermisse ich auch Köln und unser Haus. Es ist irgendwie alles so anders. Und so eine drückende Atmosphäre im Haus! Das ist fast unerträglich. MAMA, warum bist du bloß von uns gegangen?! Ich vermisse dich so! Mann, Gott, warum willst du Papa und mir kein schönes Leben gönnen?! Warum denn gerade Mama?! Wir haben sie doch so geliebt! Am liebsten würd’ ich mich jetzt wieder aufs Bett schmeißen und heulen, aber ich will dir, liebes Tagebuch, unbedingt noch von einer Begegnung erzählen, die ich gestern hatte.Also, ich war da in so ´nem Kleidungsladen und da meint der Typ, die neue Hose stände mir. Na, am Ende hab’ ich sie ja dann tatsächlich auch genommen. Aber der Junge sah voll merkwürdig aus. Irgendwo hab’ ich sein Gesicht, glaub’ ich, auch schon mal gesehen. Aber keine Ahnung, wo. Na ja, aber irgendwie hat der Typ mir auch hinterhergeguckt. Das war voll ´n merkwürdiges Gefühl. Ich meine, wer guckt mir denn schon mal hinterher?! Das ist mir völlig neu. Na ja, vielleicht komm’ ich ja jetzt in die Zeit, – und jetzt bitte nicht lachen, Tagebuch! – wo ich als attraktiv gelte. Na, aber irgendwie war der Typ merkwürdig. Ich könnte aber nicht sagen, ob das mein Typ wär’. Ich mein’, das Aussehen sagt ja auch nichts über die inneren Werte aus. Und das ist für mich nun mal das Wichtigste.Na ja, ich muss jetzt noch mal die Aufregung runterkurbeln. Ich hab’ keine Ahnung, wie das dann morgen in der Schule wird. Also, mal seh’n!Bis dann,Deine Lana
Teil 2
Als ich am nächsten Morgen aufstand, war mein Vater schon längst wieder auf dem Weg zur Arbeit. Ein wirkliches Wunder, dass er mir noch einen Zettel geschrieben hatte, wie ich zu meiner neuen Schule kommen sollte und dass ich mich im Sekretariat melden sollte. Ich war zu nervös, um was zu essen, und machte mich gleich auf den Weg zur Schule. Die Aufregung stieg, je länger der Bus fuhr. Und dann hielt er an der Haltestelle, wo ich aussteigen musste. Mit ziemlich weichen Knien trat ich auf den Schulhof. Da rannten schon ein paar Fünftklässler herum. Ältere Schüler standen nur und redeten. Oberstufenschüler sah ich gar nicht. Vielleicht hatten die erst später Unterricht oder so was.Ich schlängelte mich zwischen den Leuten hindurch. Ein paar von denen, die in meinem Alter waren, beäugten mich misstrauisch. Ich versuchte, es zu ignorieren und betrat kurz darauf das Schulgebäude. Ich kam in eine Pausehalle. Von da aus war Gott sei dank der Weg zum Sekretariat ausgeschildert.„Ich heiße Lana und bin neu an der Schule...", brachte ich gerade noch vor lauter Schüchternheit heraus und vergaß gleich mal, meinen Nachnamen zu nennen. Aber die Sekretärin schien zu wissen, wer ich war. Sie wies mich an ihr zu folgen. Sie brachte mich ins Lehrerzimmer, alle Lehrer guckten dumm. Das war mir ziemlich peinlich.„Herr Gorgen, Ihre neue Schülerin...!", und dann stand plötzlich mein neuer Klassenlehrer vor mir. So ein junger. Ich war gespannt, wie der Unterricht bei ihm würde.Gott sei dank musste ich mich da dann in der Klasse auch nicht vorstellen. Herr Gorgen sagte nichts weiter, als meinen Namen und dass ich aus Köln hierher gezogen war. Dann gab’s erst mal zwei Stunden so was wie Orientierungsunterricht. Davon verstand ich eher wenig. Die Klasse war wohl erst neu in den Raum gezogen. Und es ging um die Klassensprecherwahl. Da wählte ich nicht mit. Schließlich kannte ich hier ja noch keinen. Am Ende war es so ein Junge. Nett sah der aus und ziemlich beliebt schien er auch zu sein, aber irgendwas störte mich an ihm.Und nun saß ich da, neben so einem aufgetakelten Mädchen. Ihr Name war Dana. Na, schön! Also, für mich war auf den ersten Blick klar, dass ich auf gar keinen Fall mit ihr befreundet sein wollte. Dazu war sie viel zu aufgetakelt.Aber jetzt war ja Gott sei dank erst mal Pause. Ich fand erst nach fünf Minuten raus auf den Schulhof und fragte mich gerade, ob ich nicht gleich wieder hochgehen sollte, weil ich nicht wusste, ob ich den Klassenraum auf den Rück sofort wieder finden würde, da sprach mich plötzlich ein Mädchen an: „Hey, Lana!", ich drehte mich erschreckt um. „Hallo...", meinte ich schüchtern. „Ich bin Leila!"„Hi, Leila!"„Ich bin auch in deiner Klasse. Und ich dachte, da du ja neu bist, wollt’ ich mal hierhin kommen...!"„Aha...", ich wusste natürlich nicht so recht, was ich darauf sagen sollte. „Soll ich dir vielleicht ein bisschen die Schule zeigen...?!"„Ja, das wär’ nett!", wurde ich gleich etwas lockerer und fühlte mich besser. „Na, dann komm’!", Leila war nett zu mir und erklärte mir alles ganz genau, soweit es die Zeit der Pause noch zuließ. Es fand das wirklich nett von ihr. Aber trotzdem war ich noch ein bisschen zurückhaltend.Nun standen wir vor dem Klassenraum und warteten auf den Lehrer. „Wollen wir uns vielleicht mal treffen? Dann kann ich dir die Stadt zeigen..."„Ich weiß nicht...", ich wollte es nicht wirklich und war unsicher. Leila schaute mich zwar aufbauend an, doch ich blieb bei meiner Meinung.In der folgenden Stunde bekamen wir unseren Stundenplan. Die Namen der Lehrer dabei sagten mir aber nichts. Ich erkannte nur, dass wir Englisch und Mathe bei Herrn Gorgen haben würden. Als alle nach Schluss der Stunde aus dem Raum hinausströmten, packte ich noch in aller Ruhe meine Sachen zusammen. Ich hatte Zeit und außerdem wollte ich mich da eh erst mal langsam rantasten. Bis jetzt hatte sich ja auch noch nicht wirklich jemand dafür interessiert, außer eben dieser Leila. Und diese aufgetakelte Dana neben mir hätte ich am liebsten gleich wieder vergessen. Ging nur leider schlecht. Schließlich gehörte sie zu dieser Klasse. Und vielleicht gab’s ja sogar noch mehr von der Sorte in meiner neuen Klasse, nur waren sie mir jetzt noch nicht so aufgefallen.Ich stand auf und schulterte meine Tasche. Da stand Herr Gorgen noch am Pult und winkte mich zu sich. Ich ahnte nichts Gutes. Und das war es ja dann schließlich auch nicht.„Ich wollte dich noch mal kurz sprechen...", ich nickte leicht. „Also, das mit deiner Mutter, da tut mir Leid! Du musst hier wirklich keinem aus der Klasse etwas sagen. Das ist Familienangelegenheit..."„Das hatte ich auch gar nicht vor...", kam’s ungewohnt mutig von mir. „Okay. Falls aber was ist, kannst du immer zu mir kommen. Ich bin ja auch Vertrauenslehrer..."„Okay. Danke, Herr Gorgen...", sagte ich kurz und bündig und trat auf den Flur hinaus. Ich hörte Schritte hinter mir und war mir sicher, dass es der Lehrer war, der noch den Raum abschloss, aber das war er nicht.„Hey, warte, Lana...!", ich zuckte zusammen und wirbelte herum. Es war wiederum Leila, die mir da hinterhereilte. Irgendwas in ihrem Blick sagte mir was, aber ich sagte nichts. Und sie auch nicht. Schweigend gingen wir hinunter in die Pausenhalle. Da erklärte sie mir noch mit äußerst ruhiger Stimme, wie mir auffiel, den Vertretungsplan. Und dann traten wir an die Sonne.Es war ein merkwürdiges Gefühl, schon seinen ersten Schultag an der neuen Schule hinter sich zu haben. Zumindest mit diesem Verlassen der Schule. Und es war auch ein komisches Gefühl, dass schon nach diesem einen Tag da jemand war, der sich für mich interessierte. Na, und wenn es nur eine Person war. Wenigstens jemand. Und auch, wenn ich mir nicht sicher war, ob Leila wirklich in Ordnung war. Und sich nicht aus irgendeinem anderen fadenscheinigen Grund mit mir abgab. Was es auch sein mochte. Ich hoffte, diesen Grund gab es nicht.„Zu welchem Bus- oder Bahnsteig musst du?", fragte Leila. „Bussteig fünf", antwortete ich sofort. „Cool. Ich auch...! Komm’...!", und dann das völlig Unfassbare. Sie hakte sich bei mir unter und zog mich zum Bahnhof. Der Bus kam wie gerufen und wir stiegen ein. Und eigentlich, das war zumindest mein Gedanke, trennten sich jetzt unsere Wege. Taten sie aber nicht. Leila setzte sich neben mich.„Du bist ein ruhiger Mensch, oder?", ich nickte stumm. „Wollen wir uns nicht mal treffen?", ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Aber was sollte schon groß passieren? Es war doch nur gut, wenn ich hier sofort Anschluss fand. Und so musste ich dann auch nicht die ganze Zeit an meine Mutter denken. Und mein Vater hatte ja eh keine Zeit für mich. Von daher...„Ja, vielleicht..."„Wenn du magst noch heute. Dann zeig’ ich dir mal unsere Lehrer in den Jahrgangsbüchern und so..."„Das musst du nicht!", wiegelte ich ab. Eigentlich hätte es mich wirklich interessiert, aber irgendwie ging mir das hier alles ein bisschen zu schnell. Ich kannte Leila ja noch gar nicht so lange.„Hey, das geht schon alles klar! Und dann..."„Lass’ gut sein, Leila...!", das war vielleicht ein bisschen zu unfreundlich. „Okay...! Dann nicht!", super, Lana! Noch besser konnte ich’s ja kaum machen, mann!„Hier, meine Handynummer...! Ich muss raus...!", sie drückte mir einen kleinen Zettel in die Hand und stieg aus. Und jetzt fühlte ich mich erst mal richtig mies. Warum hatte ich sie bloß so angefaucht. Mann, wie ich es hasste!?Zu Hause angekommen machte ich mir eine Kleinigkeit zu essen und musste dann erst mal wieder über den Tag bis dahin nachdenken.Tagebuch:
Teil 3
Hallo, liebes Tagebuch!Du wirst mir nicht glauben, was das heute wieder für ein Tag war. Na, zumindest bis jetzt. Ich weiß ja nicht, aber irgendwie hab’ ich das Gefühl, dass da heuet echt noch irgendwas kommt. Na, ich glaub’, ich muss erst mal am Morgen anfangen.Papa war heute Morgen natürlich schon weg. Ich bin dann auch ab zur Schule. Die ist richtig groß. In der Pause hab’ ich mich erst mal drin verirrt. Aber dazu komm’ ich gleich.Na, der Klassenlehrer ist Herr Gorgen. Irgendwie kommt der ja auch voll nett rüber, aber am Ende hat er mich noch mal wegen Mamas Tod angesprochen. Das fand ich nicht so toll. Aber ich mein’, das kann man sich als Pädagoge doch einigermaßen denken, dass man nicht so gerne über so was spricht, oder?! Na, vielleicht wollte er ja auch nur helfen. Ich weiß ja nicht.Apropos helfen. Da ist noch wer, der mir helfen will. Leila. Aber erst mal war das voll dumm. Ich sitz’ jetzt neben so ´nem Mädel, das wohl Model werden will oder so. So sieht die zumindest aus! Das muss man sich mal vorstellen. Aufgetakelt bis zum Geht-nicht-mehr und wahrscheinlich noch zehn Kilo Schminke im Gesicht oder so. Mann, ey, muss das echt so sein?! Das ist doch schon nicht mehr schön. Ich nenn’ das nur noch hässlich. Ich hoff’ nur, dass ich nicht allzu lange neben dieser dummen Dana sitzen muss.Na, und jetzt zu Leila. Die ist echt voll nett. Hat mir erst mal so den Schulhof gezeigt und wo’s Lehrerzimmer ist und so. Aber irgendwie ist die auch komisch drauf. Herr Gorgen hat mich nach dem Unterricht ja noch mal kurz da behalten. Ich hoff’ nur, dass Leila nicht gemerkt hat, was der Typ da meinte. Und wenn doch, dann hat sie es doch ziemlich gut verborgen.Sie hat jedenfalls auf mich gewartet und wir sind dann zusammen raus aus der Schule. Ich weiß auch nicht. Es ist irgendwie ein tolles Gefühl, dass sie sich so um mich kümmert. Aber irgendwie nervt das auch. Na ja, vielleicht muss man sich da einfach dran gewöhnen. Und vielleicht machen die das hier in Hamburg alle so. Das ist ja alles ganz anders hier als in Köln. Aber irgendwie ist Leila ganz heiß drauf, sich mit mir zu treffen. Weiß der Teufel, warum!? Aber ich hab’ dann irgendwann zugestimmt, weil sie so genervt hat. Leider hat sie das bemerkt und ist dann ausgestiegen. Vielleicht musste sie da ja wirklich raus, wo sie ausgestiegen, aber vielleicht ist sie ja auch einfach nur ausgestiegen, weil ich so miesepetrig war. Na, super! Mann, ich könnt’ mich mal wieder in den Hintern beißen. Und sie hat mir ja ihre Handynummer noch in die Hand gedrückt. Meinst du, ich soll da anrufen?! Ich mein’, irgendwie tut mir das voll Leid. Sie ist ja immerhin die Einzige gewesen, die sich für mich interessiert hat. Und ich hab’ ja auch ein schlechtes Gewissen. Ich glaub’, ich ruf’ da gleich an und verabrede mich mit ihr. Ich hoffe, dann geht’s besser und vielleicht hab’ ich hier dann ja auch meine erste Freundin. Und irgendwie glaube ich, dass es Leila auch wichtig ist.Bis nachher und dann erzähl’ ich dir, wie’s war, liebes Tagebuch,Deine LanaIrgendwann nach vielen Gewissensbissen holte ich dann den kleinen Zettel hervor und rief bei Leila an. Sie schien irgendwie erfreut. Wir verabredeten uns.Sie zeigte mir die Innenstadt und ein paar Teile des Hafens, der riesengroß zu sein schien. Und dabei fühlte ich mich total wohl. Es war ein völlig neues Gefühl für mich. Und dabei kannte ich Leila erst seit diesem Tag.Als uns dann die Füße ziemlich wehtaten, beschlossen wir erst mal zu Leila nach Hause zu fahren. Sie lud mich ein. Ihre Mutter war total nett und machte uns erst mal kleine Schnittchen, während wir in Leilas Zimmer saßen. Leila hatte ein paar Schülerzeitungen, in denen die Lehrer alle vorgestellt wurden. Sie erzählte mir von unseren Lehrern, wie die so tickten und so weiter. Das war lustig. Manchmal lachten wir uns halb tot. Dann schauten wir noch ein bisschen DVD und ehe wir uns versahen, war es auch schon acht Uhr und ich musste mich auf den Weg nach Hause machen. Obwohl ich nicht wirklich wollte. Aber wenn ich nach meinem Vater heimkommen würde, würde er vielleicht Theater machen. Also, nur mit Worten. Aber das reichte mir schon. Also verabschiedete ich mich von Leila und ihrer Mutter und bedankte mich für den schönen Nachmittag. Ich war wirklich ziemlich happy. Und als ich dann nach Hause kam, wollte ich erst mal Tagebuchschreiben. Darüber nachdenken, wie viel heute eigentlich geschehen war.Aber ich kam nach Hause und erlebte den Schrecken meines Lebens. Mein Vater, wohl ziemlich blau, stand da. War er nicht auf der Arbeit gewesen und hatte sich stattdessen irgendwo volllaufen lassen?! Was ging denn hier ab?!„Komm’ her, Lana!", verwirrt trat ich auf meinen Vater zu. „Was ist los, Papa?! Du musst ins Bett!"„Ja, komm’ mit!", er lallte das so richtig. Er zog mich in mein Zimmer. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte. So gewaltsam war er noch nie mit mir umgegangen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Trotz seines Torkelns hatte er mich im wahrsten Sinne des Wortes fest im Griff.Er schubste mich. Ich fiel rücklinks aufs Bett. Er sah mich gierig an und machte sich an seiner Hose zu schaffen…Tagebuch:Ich fühle mich so dreckig…! Ich muss duschen…!!!Ich bin heute ein bisschen durcheinander. Weiß nicht, was passiert ist. Papa ist weg. Ich will ihn nicht sehen. Ich hasse ihn. Warum?! Ich kann es nicht sagen. Ich kann es nicht aussprechen. Ich fühle mich total grauenvoll. Schrecklich. Mama, wo bist du bloß?! Warum hilfst du mir nicht?! Kennst du Papa so?! Warum macht er so was Grauenvolles. Ich verstehe das nicht. Noch nie hat er sich so verhalten. Es ist so ekelig. Ich fühle mich so dreckig. Befleckt. Ich will das nicht noch mal erleben.Am liebsten würde ich jetzt zu Leila zu gehen, aber ich kann ihr doch so was nicht erzählen. Nein, ich will es keinem sagen. Und ich darf es auch nicht, das hat Papa gesagt. Ich darf es nicht. Ich werde es vergessen. Ich muss es vergessen. Und wenn es noch so schlimm ist. Ich darf nichts sagen. Ich darf nicht mehr daran denken.Leila ist total nett. Der Tag mit ihr war wundervoll. Ich fühle mich bei ihr total geborgen und irgendwie geliebt. Sonst werde ich ja nicht mehr geliebt. Doch, Papa liebt mich. Aber…Warum tut er das dann, wenn er mich liebt?! Nein, nein, nein! Ich wollte da nicht weiter drüber reden. Ich muss damit aufhören. Niemand darf es erfahren. Ich muss aufhören. Ich glaube, Papa kommt. Was will er bloß?! Ich will nichts mehr. Der nächste Tag soll anfangen. Ich muss aufhören. Er ist fast da! Papa, was ist bloß mit dir los?!Tschüss, Tagebuch!Meine Zimmertür flog auf. Ich erblickte meinen Vater und zuckte vor Furcht zusammen. „Schlaf’ gut, Lana!", lallte er und torkelte wieder weg. Ich schloss die Tür wie in Trance hinter ihm. Und wenn mir nicht gleich wieder so viele Gedanken im Kopf herumgeschwirrt hätten, hätte ich noch mal Tagebuch geschrieben. Aber das konnte ich jetzt nicht. Ich war total durch den Wind. Wegen dieser Sache. Dieser Sache, über die ich noch nicht mal in meinem Tagebuch sprach.Ich wollte auch nicht mehr weiter nachdenken. Ich packte meine Tasche für den nächsten Tag und legte mich dann schlafen. Aber ich schlief erst nach langer Zeit ein. Es ging mir so schlecht.Anderthalb Wochen später:Ich hatte mich gut in die Klasse eingelebt, hatte aber kaum was mit jemand Anderem zu tun als mit Leila. Sie war meine beste Freundin geworden. Meine wirklich beste Freundin. Meine erste beste Freundin. Mit ihr redete ich echt über alles. Nein, nur fast alles. Aber wir waren wirklich immer zusammen. In den Pausen auf dem Hof oder in der Pausenhalle und am Nachmittag trafen wir uns oft, machten zusammen Hausaufgaben und lernten gemeinsam. Es war toll. Wir lachten und hatten Spaß zusammen. In ihr fand ich die, die ich immer gesucht hatte. Zumindest nach dem Tod meiner Mutter. Mit ihr zusammen, da machte mir das Leben wieder Spaß. Immer, wenn sie bei mir war. Und wenn nicht…
Teil 4
Jüngster Tagebucheintrag:Liebes Tagebuch,Mir geht’s momentan voll gut. Leila wird irgendwie immer netter. Heute in der Arbeit in Englisch haben wir uns gegenseitig geholfen. Und der Lehrer hat nichts gemerkt. Das war total cool. Und wir hocken fast immer zusammen. Und das ist auch richtig cool. Wir lachen die ganze Zeit. Gucken DVDs oder hören Musik. Mann, was wäre das Leben schön, wenn Mama noch da wär’?!Na ja, ich vermisse sie aber nicht so sehr. Zumindest nicht mehr. Aber ich hab’ bis jetzt auch noch nicht mit Leila drüber gesprochen. Wenn’s um Familie geht, halte ich mich da immer ziemlich bedeckt, aber irgendwie hab’ ich doch das Gefühl, dass sie so was ahnt. Also, nicht das mit Papa. Sondern, dass Mama tot ist. Sie und ihre Mutter schauen mich immer so ein bisschen mitleidig an, wenn ich nach Hause gehe oder ihr Vater kommt. Na ja, was soll ich sagen?! Aber erst mal nicht die Wahrheit. Dafür tut es dann doch noch zu viel weh. Auch wenn es vielleicht das Richtige wäre, so was mal zu sagen. Vielleicht ginge es mir dann auch besser. Ja, immer diese Vielleichts.Na, das mit Papa ist besser geworden. Am Anfang hat er es so oft getan. Ich hab’ es dir gesagt. Es war so grauenvoll. Und jetzt?! Er ist irgendwie ruhiger. Und ich weiß auch nicht, warum. Das letzte Mal muss schon länger her sein. Hoffentlich kommt er nicht wieder heute. Dabei geht’s mir doch gerade so gut. Und nein, er darf nicht kommen. Mann, ich muss mich doch mal wehren, oder?! Ich dreh’ noch durch! Ich weiß langsam echt nicht mehr, wie ich das machen soll. Manchmal wünsch’ ich mir Papa einfach weg. Weg. Er macht mich nur dreckig. Ich will das nicht mehr! ICH WILL ES NICHT MEHR! Ich muss mich doch wehren.Ich muss hier raus...! Ich geh’ mal in die Stadt…!Ciao, Deine LanaIch machte mich auf den Weg in die Stadt. Mein Vater war eh wieder arbeiten. Ich wollte doch nur mal aus dieser Wohnung raus. Überall roch es mit diesem dummen Zeug namens Alkohol. Einfach mal daraus. Allein…Ich ging in den Park, in dem ich in letzter Zeit viel mit Leila gemacht hatte. Na, eigentlich haben wir immer nur auf der Bank am See gesessen und unsere Probleme von der Seele geredet oder wir waren durch den Park spaziert. Mittlerweile kannte ich jeden Hund inklusive Herrchen, die hier immer durch den Park liefen. Aber heute wollte ich irgendwie keinen grüßen. Keine Ahnung, warum. Mir ging es einfach nicht gut. Ich fühlte mich auch hier im Park unwohl.„Hey…du…!", ich zuckte zusammen und blickte erschreckt auf. Wer wollte denn da was von mir?! Ich erblickte einen Jungen. Und nicht nur irgendeinen. Den hatte ich schon mal getroffen. Damals beim Einkaufen, als ich ganz neu in Hamburg gewesen war. Und was hatte ich damals noch gedacht?! Dass ich ihn in dieser riesigen Stadt niemals wieder sehen würde?! Und was war das hier?!„Ha-ha-hallo…", meinte ich. „Du kannst dich noch an mich erinnern, he?!"„Ja…"„Lust auf ´nen kleinen Spaziergang?!"„Warum nicht?!", sagte ich und ging weiter. Er kam mir hinterher. Seine Cap ins Gesicht gezogen. „Was soll das mit der Cap?"„Ach, das trag’ ich immer so…!"„Na, wenn du meinst…! Ich find’, das sieht so aus, wie als wenn du nicht erkannt werden möchtest…"„Nee, eigentlich nicht…!", er grinste leicht. „Setzen wir uns dahin?", fragte er und deutete auf eben diese Bank, wo ich immer mit Leila saß. „Okay…", in mir stieg zwar ein merkwürdiges Gefühl auf, aber ich stimmte locker zu. Wir setzten uns dahin. „Wie heißt du eigentlich?!", mann, das nenn’ ich dann wohl mal direkt!„Lana…", irgendwie war ich zu nervös, um ihn auch nach seinem Namen zu fragen. Ein Junge sprach mit mir. Mann. Na, die Jungs in Köln waren irgendwie unterentwickelt gewesen. Entweder sie spielten in den Pausen Fußball, waren zu schüchtern oder die absoluten Machos. Na, und ich war aber auch wieder zu schüchtern, einen Jungen anzusprechen, den ich nicht kannte.„Cool, dass wir uns mal wiedersehen!", sagte er locker. Die Lockerheit war irgendwie machomäßig, aber so kam es dann auch wieder nicht rüber.„Ja...", sagte ich nur und blickte hinaus auf den klaren See. Ich spürte den seitlichen Blick des Jungen, aber ich tat nichts. „Du bist nicht so gut drauf, he?!", ich sah ihn etwas verwirrt an und meinte dann: „Nee, eigentlich geht’s mir gut...!"„Na, wenn du meinst..."„Ja, tu’ ich", bekräftigte ich energisch. „Siehst du, du verbirgst doch was...!"„Was soll das?", fuhr ich ihn an. „Woher willst du das jetzt wissen?!"„Das merkt man doch ganz klar an deinem Verhalten", das klang mir irgendwie zu besserwisserisch. Ich stand abrupt auf.„Was wird das?", fragte er ziemlich ruhig für meine Begriffe, wie ich etwas verwundert feststellte.„Ich hab’ da keinen Bock drauf...!"„Na, dann...! Hast du morgen vielleicht wieder Zeit?", meinte er. Ich sah ihn völlig ungläubig an. Ey, was war das denn für einer?! Erst stellte er fest, dass ich angeblich schlecht drauf sein sollte, was ja auch gar nicht so stimmte, und dann wollte er sich auch noch verabreden.„Na, was ist?!", sagte er locker, als ich nach ein paar Sekunden vollkommener Stille immer noch nichts gesagt hatte.„O-o-okay...", stotterte ich verwirrt. „Und wann?!", er fragte das so langsam, als würde mit einem schwer verstehenden Menschen sprechen.„Keine Ahnung. So um drei, wieder hier?!"„Ja, geht klar...!", er erhob sich. „Und dann kannst du ja auch noch mal über meine Frage nachdenken!"„Welche Frage?"„Dass es dir meiner Meinung nach nicht besonders gut geht?!", meinte er, als ob man so was auf gar keinen Fall vergessen dürfte. Aber mit diesen Worten stand er auf und ging. Ich sah ihm noch lange nach, auch noch, als er gar nicht mehr zu erkennen war.Ziemlich verwirrt machte ich mich auf den Weg nach Hause. Gott sei dank war mein Vater noch nicht wieder zu Hause. So wäre meine ohnehin total schlechte Laune, die ich mir so auch gar nicht erklären konnte, noch weiter gesunken. Aber so ging es mir auch nicht viel besser.Tagebucheintrag:
Liebes Tagebuch,Bis vorhin ging’s mir echt noch ganz gut. Ja, bis vorhin. Also, ich fang’ mal am besten ganz von vorne an:Papa ist Gott sei dank mal wieder Überstunden schieben. Ich bin nach den Hausaufgaben aber eh erst mal in den Park gegangen, wo ich mit Leila ja auch immer bin. Sie musste heute nur zum Geburtstag ihrer Großmutter. Und hätte sie da nicht hingemusst, hätte ich jetzt möglicherweise auch noch ganz glänzende Laune. Aber nein. Das ist mir ja mal wieder vergönnt. Typisch!Na, ich war da ja dann im Park, wie gesagt. Irgendwie war das aber voll komisch da. So ohne Leila. Ich mein’, ich war ja bis jetzt noch nie alleine im Park. Zumindest eben nicht ohne sie. Also, ich hab’ mich nicht schlacht gefühlt oder so, aber es war ein total seltsames Gefühl. Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier jetzt so sitze. So mies drauf.Nee, ich hab’ da dann nämlich plötzlich diesen Typen wieder getroffen. Den, dem ich damals beim Shoppen begegnet war. Der, der meinte, dass mir die Hose stehen würde. Na, zugegeben, jetzt war es ja tatsächlich meine Lieblingshose geworden. Aber was laber’ ich eigentlich...?! Egal..., ich hab’ dir jedenfalls von diesem Typen erzählt. Und jetzt hab’ ich ihn eben wieder getroffen. Irgendwie schon komisch, oder?! Dabei dachte ich, dass ich den eh niemals wieder sehen würde, weil Hamburg so groß ist. Na, egal. Schicksal ist’s jedenfalls nicht.Er hat mich dann praktisch zu ´nem Spaziergang eingeladen. Mich nach meinem Namen gefragt. Na, bis dahin war ja alles auch noch voll in Ordnung. Ich mein’, was ist schon dabei?! Muss ja nicht sein, dass der gleich was von mir will oder so...! Na, aber vom Aussehen her ist er halt ein bisschen merkwürdig. Wirklich. Seine Cap hat er immer voll tief ins Gesicht gezogen. Seine schwarzen Haare gucken an der Seite raus. Irgendwie kommt mir das echt so vor, als würde der sich vor irgendwem verstecken wollen. Hab’ ich ihm dann auch gesagt aber er meinte nur, er würde das immer so tragen. Ja, wer’s glaubt?! Das steht dem erstens gar nicht. Und wenn er zweitens glaubt, es täte es, dann hat der aber null Geschmack in Hinsicht auf Mode. Und der hat mir doch im Ernst zu meiner Lieblingshose geraten! Na, gute Nacht! Pah...! Aber im Ernst. Die Cap passt echt nicht zu dem.Ach, was mach’ ich mir eigentlich für Gedanken?! Zurück zum Geschehen:Dann sagte er, dass er’s cool fände, dass wir uns wieder sehen! Und dann, obwohl ich das ja sogar überflüssigerweise auch noch bejaht hatte, sagte er doch, ob’s mir nicht so gut ginge. Natürlich hab’ ich sofort gemeint, dass es mir eigentlich klasse geht, aber das hat er mir irgendwie nicht abgenommen. Und dann hat er mir doch tatsächlich noch vorgeworfen, ich würd’ was verbergen. Im Ernst! Ja, wer’s glaubt?!Und außerdem muss ich so ´nem Jungen, den ich gar nicht richtig kenne, ja wohl nicht erzählen, dass meine Mutter vor ´nem halben Jahr gestorben ist und dass mein Vater..., dass er sich an mir vergeht...! Oh, mann! Mir wird schon wieder ganz übel, wenn ich nur daran denke. Es ist einfach total...schrecklich, schlimm, grausam. So einen Begriff gibt’s gar nicht. Ich ekel’ mich einfach nur davor. Ich darf auch gar nicht daran denken. Und wenn Mama noch hier wär’, dann wär’s nie so gekommen.Mama, wo bist du?! Mama, warum lässt du das zu?! Kennst du Papa so?! Ich halt’s nicht mehr lange aus! Auch wenn er momentan zum Glück irgendwie eine Ruhephase. Es ist unerträglich. Immer wieder. Immer wieder macht er das.Ich leg’ mich jetzt schlafe. Sonst muss ich noch die ganze Nacht heulen.Nur noch so viel: Ich treff’ diesen Typen mit meiner Hose...also, der heute aus dem Park..., den treff’ ich morgen wieder...!Jetzt gute Nacht,Deine LanaMeine Augen waren am nächsten Morgen total geschwollen. Ich cremte sie massenhaft ein, aber da half gar nichts. Damit musste ich jetzt wohl wohl oder übel zur Schule. Oh, mann. Und das alles nur...! Mein Vater war am Abend, als ich schon fast eingeschlafen war, in mein Zimmer gekommen. Diesmal nüchtern. Das erkannte ich daran, dass er weder glasige Augen hatte, noch ein rotes Gesicht, noch lallte oder torkelte er.Und trotzdem war es genauso wie immer. Ich ekelte mich so. Ich wollte es nicht. Ein Glück, dass er wenigstens noch ein Kondom benutzte. Sonst wär’ ich vor Scham gestorben. Und aus Angst, von meinem eigenen Vater schwanger zu werden.Ich sah furchtbar aus. Aber ich musste zur Schule. In kürzester Zeit würden ja schließlich noch Arbeiten anstehen und die Ferien schienen auch noch Lichtjahre entfernt, auch wenn sie doch schon in zwei Wochen beginnen würden.„...Lana...!", erschreckte mich Leila, als sie sich im Bus neben mir niederließ. „Hey...", versuchte so ich von meinem Gesicht abzulenken. „Was ist los?!"„Nichts...!"„Es ist nichts...?! Ja, nee, komm’! Erzähl’ mich nichts!"„Wirklich...", versuchte ich es weiter. „Nee, komm’ gleich mal mit...! Ich schmink’ dich ordentlich und dann reden wir!"„Nein!", lehnte ich energisch ab. „Doch!", und damit hielt der Bus leider schon an unserer Schule und sie zog mich raus. Wehren wollte ich mich jetzt irgendwie merkwürdigerweise nicht mehr. Ich ließ es einfach über mich ergehen. Er schien mir fast so, als schminkte sie mir ein halbes Kilo Schminke ins Gesicht und dabei konnte ich so was ja mal gar nicht sb.„So, und jetzt sagst du mir, was mit dir los ist...!", ich wusste durch ihren völlig unwidersprüchlichen Ton sofort, dass es jetzt kein Entrinnen mehr gab. Sie würde mich hier behalten und mir so lange immer wieder die gleiche Frage stellen, bis ich ihr sagte, was los war. Ja, aber ich konnte ihr doch nicht erzählen, dass...also, die Sache mit meinem Vater. Das konnte ich einfach nicht. Womöglich musste mein Vater dann ins Gefängnis und das wollte ich ja ganz sicher nicht. Außerdem hätte es doch noch bestimmt eine Menge anderer unschöner Folgen. Also musste ich wohl mit der Trauer um meine Mutter kommen. Und dabei hatte ich genau diese Sache verhindern wollen. Aus Angst vor Mitleid. Ich wollte einfach nicht, dass sie sich unnötig Sorgen machte oder sich deswegen übermäßig um mich kümmerte. Und außerdem war ich ja auch schon ziemlich über die ganze Sache hinweg. Und vielleicht würde die Trauer so wieder einfach von neu aufgewühlt. Alles Dinge, die ich nicht wollte. Aber mir blieb in der Situation einfach keine andere Wahl.Ich erzählte Leila die Sache mit dem Tod meiner Mutter. Sie schlug die Hände vor den Mund, als ich ihr von der Todesursache, einem unentdeckten Gehirntumor, erzählte. Sie wollte mich dann auch gleich beruhigen und das volle Programm, aber ich wiegelte ab. Ich sagte ihr, dass ich das nicht wollte. Und das verstand sie dann glücklicherweise auch.Die Verabredung mit dem Typen am Nachmittag fiel ins Wasser. Er war nicht da. Auch wenn ich jetzt meine Zeit damit verschwendet hatte, kümmerte es mich nicht wirklich, aber Unzuverlässigkeit war nicht unbedingt etwas, was ich mochte.Es verging ein knapper Monat. Die „Anfälle" meines Vaters wurden zum Glück immer weniger. Doch er trank nun keinen Alkohol mehr und war somit auch immer dabei nüchtern. Das machte mich dann trotzdem noch deprimiert. Nun konnte ich nicht mehr dem Alkohol die Schuld geben, dass er das tat. Nun war er selbst Schuld.In den Herbstferien war ich beinahe jeden Tag bei Leila. Sie dachte wohl, ich wollte mich ablenken. Na, jedenfalls besser als der wahre Grund.Die Ferien waren wirklich total erholsam. Die Ruhe. Besonders die vor meinem Vater. Er schaffte es nicht ein einziges Mal während der Ferienzeit. Und deswegen war ich auch eigentlich richtig gut gelaunt. Die ersten Arbeiten waren auch geschrieben und ich hatte dabei eigentlich auch ein gutes Gefühl. Na, was sie nun würden, stand natürlich auf einem anderen Blatt, aber ich war mir eigentlich recht sicher.Und nun war der letzte Tag, bevor die Schule wieder beginnen würde. Ich hatte mir vorgenommen, offener gegenüber Leila zu sein. Und ich war auch wieder bei ihr. Wir saßen gerade schweigend im Zimmer, nachdem wir mal wieder zusammen DVDs angeguckt hatten. Und irgendwie, so empfand ich es zumindest, war plötzlich eine komische Stimmung im Raum. Und Leila ließ dann auch sofort die Bombe platzen.
Teil 6
„Du, Lana...!", ich sah zu ihr, fragend. „Also, ich...ich hab’ ja nichts dagegen, wenn wir immer bei mir oder draußen abhängen und so, aber...ich meine, das Wetter wird ja jetzt auch wieder schlechter und so..., na, und ich dachte..., ich meine..., können wir nicht auch mal zu dir gehen...?!", ich sah sie verwirrt an. Was wurde das denn jetzt?! Wollte sie deswegen Streit und Stress zwischen uns? Aber ich wollte das nicht und wollte das auch sofort ein bisschen erklären, selbst wenn ich dazu lügen müsste. Aber sie fuhr schon fort: „Jedes Mal blockst du ab oder wechselst das Thema, wenn wir da drauf kommen. Ich meine, mir ist’s echt egal, wo wir immer sind, aber meine Mutter muss demnächst wieder länger in Vollzeit arbeiten und da kannst du dann nicht mehr direkt nach der Schule zu mir kommen...! Ich mein’, ich würde dich ja total gerne immer weiterhin mit nach Hause nehmen, aber das geht eben wegen der Arbeit meiner Mutter demnächst nicht mehr. Und außerdem möchte ich doch auch mal so einfach zu dir kommen. Dein Zimmer sehen und so weiter...!", nach diesem langen Monolog hielt sie inne. Ich sah sie an und sah fast etwas Bittendes in ihren Augen. Es schien ihr wirklich wichtig zu sein. Vielleicht wollte sie ja nur, dass unsere beinahe täglichen Treffen nicht auf einmal ausbleiben mussten. Vielleicht war es ihr wichtig geworden, war mein Gedanke. Unsere Freundschaft. Ich.„Leila...", fing ich ziemlich nervös an und hatte noch keine genaue Ahnung, wie ich das erklären sollte. Die Wahrheit?! Na, das ging doch wohl ziemlich schlecht. Diese Debatte hatte ich schon mal mit meinem Kopf geführt. Wenn ich die Wahrheit sagen würde, hätte das Folgen. Gewaltige Folgen für meinen Vater. Und dabei liebte ich doch noch. Ich wollte ihn nicht verlieren, auch wenn er mir so etwas Entsetzliches antat. Und außerdem hatte er mir verboten, irgendjemandem etwas zu sagen. Ich durfte es nicht und...„Lana, rede bitte mit mir! Wir können immer über unsere Probleme reden. Das weißt du doch auch!"„Aber das kann ich dir nicht sagen!", löste ich mich ein wenig von dem Zwang meiner selbst, nichts zu sagen. „Lana...! Wenn du Probleme hast, will ich dir helfen...! Geht es um deine Mutter?!"„Nein, es geht nicht um meine Mutter!", ich rief das fast aus. „Was ist denn dann los?", wollte Leila weiter wissen. Ich schüttelte leicht den Kopf.„Jetzt komm’ schon...! Bitte, Lana...!", sie war zu mir rübergerückt und sah mich jetzt bettelnd mit ihren Hundeaugen an. Ich konnte mich da dann auch kaum noch zusammenreißen, aber irgendwann hielt ich Leilas Überredungskünsten dann auch nicht mehr stand.„Du kannst nicht kommen", fing ich an, „wegen meinem Vater!", das war noch ziemlich flüssig, sodass ich mich über mich selbst wunderte. „Warum?! Was ist denn mit deinem Vater?", fragte Leila aufgeregt und legte ihre Arme um meine Schultern. „Er arbeitet den ganzen Tag...und...und...und abends, wenn er wiederkommt, dann...dann...dann vergeht er...er sich an mir...!", so, jetzt war’s raus!„Und er trinkt!", fügte ich noch hinzu, als Leila mich erst kurz panisch ansah und mich dann ganz lieb drückte. „Mann, Lana!", sie schniefte und schien wohl selbst Tränen in den Augen zu haben. Nun ließ sie mich langsam los und ich konnte sie wieder anblicken. Ihr Gesicht war von Mitleid gezeichnet, doch irgendwas in diesem Blick störte mich. Ich wusste nicht, was, aber da war auf jeden Fall was. Doch ich hatte jetzt auch nicht wirklich Zeit, darüber nachzudenken.„Ich...ich wollte dich nicht verletzen. Es war nur einfach so...na, egal. Aber, Lana...!"„Bitte sag’ es niemandem!", fiel ich ihr ins Wort. „Nein, werde ich natürlich nicht...! Aber das ist ja ganz furchtbar, Lana...! Warum wehrst du dich denn nicht?!"„Ich kann nicht! Er ist mein Vater!", danach saßen wir eine Zeit lang schweigend da. Es war eine total drückende Stille und daran gefiel mir auch irgendwas nicht. Ich hatte ein schlechtes Gefühl in Hinsicht auf den Beistand seitens Leilas. Deswegen rang ich mich dann irgendwann dazu durch, mich zu verabschieden und mich auf den Weg nach Hause zu machen.Tagebuch:Hallo, liebes Tagebuch!Morgen ist wieder Schule. Und heute war der turbulenteste Tag der ganzen Ferien. Das soll aber nicht unbedingt heißen, dass der Tag toll war. Also, so schlimm, wie das jetzt vielleicht klingt, war’s aber auch nicht. Aber trotzdem weiß ich gerade nicht so recht, wo oben und unten ist.Am Anfang war’s ja alles echt noch total gut und locker. Klar war ich wieder bei Leila. Na, wo auch sonst?! Zu Hause will ich ja gar nicht mehr bleiben. Nicht, dass Papa nachher wieder früher nach Hause kommt und dann nachher wieder das tut...du-weißt-schon-was. Ich will das nicht! Ich will mir das nie wieder antun lassen. Es ist einfach zu grausam. Ich halte das nicht mehr lange aus! Ich weiß auch langsam nicht mehr, was ich machen soll. Aber eigentlich wollte ich dir, liebes Tagebuch, ja was ganz Anderes erzählen. Auch wenn das ein bisschen mit der Sache mit Papa zu tun hat. Okay, ich geb’s zu: Nicht nur ein bisschen!Also, ich war ja wie gesagt bei Leila. War ja auch noch alles ganz gut. Erst haben wir ´nen Film geguckt, aber dann war die Stimmung plötzlich voll...na ja, irgendwie angespannt. Und dann fragt Leila mich doch plötzlich, von wegen, dass ihre Mutter demnächst mehr arbeiten muss und dass wir uns dann nicht mehr bei ihr zu Hause treffen können. Und fragt, ob wir dann auch mal zu mir können. Na, Leila stellt sich’s ja wohl echt voll einfach vor, oder?! Okay, sie weiß ja zwar jetzt das mit Mama, aber das mit Papa konnte und wollte ich ihr eigentlich unmöglich erzählen. Und dann stellte sie ja auch noch fest, dass ich immer blocke, wenn es darum geh, ob wir denn mal zu mir gehen können. Na, warum denn wohl?! Na ja, das konnte sie ja nun mal auch nicht wissen. Tja, alles schön und gut! Nur dann hatte ich echt ´n Problem. Sie ließ sich nicht ablenken und meinte fast aufdringlich, dass sie mir helfen will. Na, toll! Aber bei der Sache kann mir nun mal keiner helfen. Auch keine Freundin. Und ich kann es ja auch so keinem sagen. Ich darf es nicht sagen! Ja, und das hab’ ich dann auch gesagt. Na, und sie macht dann gleich mal weiter und fragt, ob’s wegen Mama wär’. Ich den Kopf geschüttelt. Na, und dann bettelte sie mich praktisch an, es ihr zu sagen. Mit sanfter Stimme und Hundeblick. Na, und dann hat mich eben auch nichts mehr gehalten! Mann, das war echt fies irgendwie. Ich hab’s ihr dann tatsächlich gesagt.Und jetzt weiß ich gar nicht, ob ich froh und erleichtert oder sauer auf mich selbst sein soll. Weil Papa ja gesagt hat, dass ich es keinem sagen darf. Aber vielleicht ist es ja auch besser so, wenn’s endlich jemand weiß. Und immerhin ist Leila ja auch nicht nur irgendjemand, sondern meine beste und einzige Freundin. Ihr wollte ich es einfach sagen. Sie würde es nicht weitersagen, da war ich mir sicher. Aber Papa werde ich auch eh nichts davon erzählen. Sonst würde er nachher noch austicken. Das will ich ja auf jeden Fall verhindern. Und schließlich kennt er Leila ja auch gar nichts. Ich sprech’ doch kaum noch mit ihm, wegen dieser Sache. Ich will ihm gar nicht mehr in die Augen schauen. Nichts, dass er auf falsche Gedanken kommt.Na ja, und bei Leila bin ich mir jetzt irgendwie ein bisschen unsicher. Sie ist so komisch. Ich weiß, dass sie mir helfen will, aber irgendwas ist da auch, was mich stört...!Oh, nein...! Ich glaub’, ich hör’ Papa kommen! Ich muss Schluss machen. Wer weiß, was kommt?! Aber ich sag’s dir bestimmt!Bis dann,Deine LanaIch hatte die Tür aufgehen hören und war gleich zusammengezuckt. Gleich stand ich von meinem Schreibtischstuhl auf und öffnete meine Zimmertür.Mein Vater hatte mich bemerkt. Ich wollte die Tür dann auch gleich wieder schließen, aber er sagte: „Hallo, Lana...! Komm’ und hilf mir. Die Sachen müssen in den Kühlschrank!", erst jetzt fiel mir auf, dass er einen vollen Einkaufskorb in den Händen trug und noch Einkaufstaschen an seinen Armen hingen.Zum Glück wollte er dann wirklich nur, dass ich ihm half. Aber diese Nähe zu ihm war für mich fast schon wieder eine Qual. Ich konnte ihm kein einziges Mal ins Gesicht blicken. Aus Angst, vor Schrecken völlig zusammenzufahren. Und dieser Mensch sollte tatsächlich mein Vater sein!Der Tag ging zu Ende. Ohne dass ich weiter wieder Ängste ausstehen musste. Der nächste Tag begann wie ein schöner Spätsommertag und endete in einem Sturm. Und nicht nur ein Absturz der Wetterlage. Ebenso erging es meiner Laune.
Teil 7
„Hey!", gut gelaunt ließ sich Leila im Bus auf dem Weg zu Schule neben mir nieder. „Hi!", sagte ich etwas weniger fröhlich. „Lana..., das mit gestern...! Ich hab’ noch mal nachgedacht...! Ich bin dir nicht böse oder so was. Und du kannst ja auch nichts dafür. Und...ich meine, es muss ja auch total schlimm für dich sein. Aber ich kann dir da jetzt auch nicht helfen, in der Hinsicht. Du musst dich selbst wehren!", ganz andere Töne! Das hatte mich also mein Bauchgefühl wohl doch nicht betrogen.„Das kann ich doch nicht!", wiederholte ich meine Worte vom Vortag. „Er ist mein Vater!", ich sagte das so halblaut, dass sich einige Mitfahrende nach mir umblickten. Ich senkte sogleich die Stimme: „Ohne ihn habe ich nichts!"„Ja, ich weiß! Aber es gibt keinen anderen Ausweg...!"„Momentan machte er es auch schon viel seltener. Es ist gar nicht mehr jeden Abend!", versuchte ich, meinen Vater zu verteidigen. „Es ist schon schlimm genug, dass er es überhaupt tut!"„Ja, aber...", fing ich an. „Nein, Lana! Du kannst da nur aus eigener Kraft rauskommen. Ich kann dich trösten, dir beistehen. Aber mehr geht nicht! Das musst du selbst schaffen!", ich sah sie ungläubig an. Das war doch jetzt nicht ihr wahrer Ernst, oder?! War ihr das alles zu stressig oder wollte sie mich deswegen unterstützen? Oder hatte sie möglicherweise doch Recht damit, dass ich mich da selbst rausmanövrieren musste?! Aber ich wollte doch nur ab uns zu mit ihr darüber reden. Und sie sprach gleich davon, dass ich mich selbst befreien musste! Ich wollte mich doch gar nicht befreien. Dann gäbe nur eine Menge Probleme. Aber Leila wollte gleich, dass ich mich wehrte. Und dabei wollte sie mir dann aber auch nicht helfen. Na, danke...!„Lana...!", ich blickte wieder zu ihr auf. Leichte Wut im Bauch. Feurige Augen. „Bitte sei jetzt nicht sauer auf mich! Aber ich kann dir echt nicht helfen!"„Na, wenn du meinst...", sagte ich und erhob mich. Mit gleichgültiger Stimme fügte ich hinzu: „Wir müssen raus!", auch sie stand nun auf. Ich trat heraus und verließ den Bus mit einem Schwall anderer Schüler.Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie in irgendeinem Sinne doch teils Recht hatte, und deswegen wollte ich ihr jetzt auch nicht weiter böse sein, auch wenn ich es schon ein starkes Stück fand, dass sie es ablehnte, mich zu unterstützen.Ich drehte mich um, um sie anzusprechen, aber sie war nicht mehr hinter mir. Sie stand mit der Oberzicke unserer Klasse, Dana, an der Bushaltestelle und redete. Doch ich traute mich jetzt auch nicht, da jetzt so hinzugehen und sie anzufauchen. Ich machte mich auf mich selber sauer auf den Weg zum Klassenraum.Her Gorgen kam. Dana und Leila hinterher. Ich sah Leila an, doch sie würdigte mich irgendwie keines Blickes. Das mir weh. Ich hatte mich immer an sie gehalten. Und nun stand ich jetzt so ganz alleine da.Ich lehnte mich gegen die Wand und schloss die Augen kurz, bevor ich den anderen in die Klasse folgte.Und eine Neue kam an diesem Tag in die Klasse. Alexa. Auch neu hergezogen. Und die durfte sich dann auch erst mal wie ich damals neben Dana setzen.Ansonsten verlief der Tag wie jeder andere erste Tag nach den Ferien. Die Lehrer gaben viele Hausaufgaben auf und die Termine der Klassenarbeiten wurden auch bekannt gegeben. Nur hing ich in den Pausen diesmal nicht mit Leila rum, sondern alleine.Zu Hause angekommen machte ich erst die Massen an Hausaufgaben und schrieb dann Tagebuch:Liebes Tagebuch,Heute war irgendwie ein dummer Tag. Na ja, zumindest bis jetzt. Schließlich ist es ja erst kurz nach drei. Ich hab’ bis gerade erst mal den Batzen an Hausaufgaben bewältigt und nun sitze ich hier und schreibe dir, liebes Tagebuch.Na ja, also, was ich noch erzählen wollte: Gestern ist zum Glück nichts mehr passiert. Papa wollte bloß, dass ich ihm helfe, die Einkäufe wegzupacken. Aber ich hatte trotzdem ein bisschen Angst vor ihm. Angst, ihm zu nahe zu kommen. Angst, ihm in die Augen zu schauen, dass wieder...na, du-weißt-schon-was tut! Aber gestern war echt total anders als sonst. Er war nüchtern. Ja, aber dass er blau ist, ist ja mittlerweile auch schon fast zu ´ner Seltenheit geworden. Na, jedenfalls war er gestern irgendwie fast so nett wie früher. Nicht so wie sonst momentan. Sondern fast richtig väterlich. So wie damals, als Mama noch da gewesen war.Aber eigentlich wollte ich ja auch noch von heute erzählen. Also, gerade geht’s mir eigentlich nicht so gut. Hat auch ´nen Grund. Also, das hat alles voll komisch heute Morgen im Bus angefangen. Als Leila eingestiegen ist und sich wie immer neben mich gesetzt hat, hat sie mich so gegrüßt, als wär’ nichts gewesen. Total fröhlich und happy. Im Ernst. Und ich natürlich nicht. Na, was erwartet die denn auch von mir?!Jedenfalls hat sie dann angefangen, von wegen, ich müsste mir selber helfen und sie könnte nichts tun. Ja, alles schön und gut. Aber ich erwarte was Anderes von meiner besten Freundin. Jedenfalls hab’ ich ihr dann ganz kurz gefasst die Situation erklärt, warum ich mich nicht wehren kann. Aber sie wollte sich partout nicht umstimmen lassen. Meint, ich muss da alleine rauskommen. Und dabei will ich gar nicht da raus kommen. Ich will nur, dass ich ab und zu mit ihr darüber reden kann. Mehr erwarte ich doch gar nicht!Na, ich weiß ja auch nicht, ob sie damit ja vielleicht doch Recht hat. Na ja, ich hab’ dann aber keinen Bock mehr gehabt und dann waren wir ja auch eh schon an der Schule und mussten aussteigen.Na, ich dachte, Leila geht mit mir, wie immer. Was ist aber heute?! Nichts ist! Sie ist dann zur Oberzicke namens Dana-mit-zehn-Kilo-Schminke-im-Gesicht hingedackelt und hat mit der gelabert. Na, soll sie doch!Ich bin dann erst mal zum Klassenraum. Und dann kamen auch Leila und Dana hinter Herrn Gorgen. Und Leila hat mich noch nicht mal angeguckt. Kein Stück. Wenn ich jetzt daran denke, hab’ ich schon Tränen in den Augen. Ich will Leila doch nicht verlieren! Sie ist doch meine einzige und beste Freundin!Und in den Pausen waren wir auch nicht zusammen. Ich hab’ bei meinen Wanderungen durchs halbe Schulgebäude mal nach ihr geguckt. Keine Spur.Na, und dann haben wir heute noch ´ne Neue in die Klasse bekommen. Die ist auch neu hierher gezogen. Musste sich dann auch erst mal neben unsere „liebe" Dana setzen.Also, irgendwie scheint sie zwar nicht auf Danas Niveau zu sein, zumindest nicht in Hinsicht auf Kosmetik, aber sie hält sich wohl doch für was Besseres. Aber ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben, will ich jetzt aber auch nicht so über die urteilen. Im Unterricht hat sie jedenfalls erst mal gar nichts gesagt und in den beiden Pausen hab’ ich sie auch nirgends gesehen. Fast ebenso vom Erdboden verschluckt wie Leila.Na, ansonsten war der Tag heute eigentlich nichts Besonderes. Die Lehrer machen einem nur wieder Panik, indem sie uns schon sagen, wann wir die nächsten Arbeiten schreiben. Und wenn’s noch zwei Monate oder so hin sind.Papa hat gesagt, er kommt heute spät. Mit Leila hab’ ich mich auch nicht verabredet. Na, wie denn auch?! Geht jawohl ziemlich schlecht bei so ´ner Stimmung momentan zwischen uns. Und außerdem kann ich Stress und Streit nicht ab. Das ist doch einfach nur noch ätzend. Ich glaub’, ich geh’ jetzt noch ein bisschen in den Park, sonst sterbe ich hier nachher noch vor Langeweile und an zu viel Nachdenken. Und vielleicht ist Leila ja auch im Park. Vielleicht vermisst sie mich ebenso wie ich sie. Na, mal seh’n! Wenn irgendwas Nennenswertes passiert, schreib’ ich’s dir heute Abend auf jeden Fall noch!Mach’s gut! Bis dann,Deine LanaEine knappe halbe Stunde später war ich schon am Park. Die Herrchen mit ihren Hunden wie immer da. Und ein paar Cliquen, die sich jeden Tag hier trafen. Ich wäre auch schon immer liebend gerne in einer Clique gewesen, aber dazu war ich entweder zu schüchtern oder ich stellte mich zu dumm, mit anderen Worten zu uncool an.Und jetzt, wo ich wieder alleine im Park war, vermisste ich Leila auch richtig. Ohne sie war der Park nicht das, was er sonst für mich war.Plötzlich beschlich mich ein komisches Gefühl. Ein Gefühl, dass ich beobachtet wurde. Ich wandte meinen Kopf und blickte einmal um mich. Es schien irgendwie alles normal. Menschen, die spazieren gingen. Spielende Kleinkinder mit ihren Eltern. Und dann......sah ich jemand nur allzu Unauffälligen, der er seiner Worte nach sein wollte. Der Junge, der sich immer unter seiner Cap versteckte. Ja, der. Ich schritt auf ihn zu und meinte leicht zurückhaltend und leise: „Hi...", er blickte zu mir auf. „Hey...!", er wies auf den Platz neben sich auf der Bank. Ich setzte mich.
Teil 8
„Wie geht’s dir so?", fragte er. „Na, geht so. Und dir?"„Was ist los?!", er überging meine Frage komischerweise. Und wiederum klang er merkwürdigerweise besorgt. „Hab’ mich mit meiner Freundin gefetzt", hielt ich es kurz und knapp. „Aha!", meinte er einfach nur. Ich blickte ihn von der Seite her an. Sein Gesicht, zumindest der Teil davon, den ich erkennen konnte, war von Sorgenfalten geprägt.„Und was ist bei dir los?", wollte ich wissen. „Du siehst ziemlich fertig aus!"„Ja, Stress!"„Schule?!"„Nee, Arbeit!"„Cool", meinte ich und war wirklich interessiert, was so ein seltsamer Typ wie er wohl machte. „Was denn?"„Kann man schlecht erklären...!"„Was machst du denn da so genau?"„Äh,...ich...also, ich,...ähm..., ich kann’s dir nicht sagen!"„Warum?", fragte ich verwundert. Was war das denn nun für einer? Was konnte denn so Schlimmes an seiner Arbeit sein, dass er es mir nicht sagen wollte oder konnte? Jedenfalls war und blieb mir der Junge merkwürdig...!„Was war das denn mit deiner Freundin für ein Streit?", er sagte das so offen, dass man einfach bemerken musste, dass er von dem vorigen Thema wegwollte. Und irgendwie nahm ich das dann auch so an. Keine Ahnung, warum. Aber ich wollte ihm jetzt auch nicht weiter Löcher in den Bauch fragen, wenn er es nicht ausspucken wollte. Und auch wenn ich recht neugierig war, war es nicht so, dass ich unbedingt wissen musste, was den Typ bedrückte. Immerhin kannte ich ja immer noch nicht seinen Namen.„Wir haben uns einfach nur gestritten. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, warum sie mir jetzt nicht helfen will. Ich meine, jetzt hab’ ich ihr mal alles erzählt und...", ich hielt inne. Was erzählte ich eigentlich diesem Boy hier, von dem ich noch nicht einmal den Namen kannte? Der kannte meine Probleme nicht und er kannte mich ja auch gar nicht richtig...!„Und weiter?", fragte er auffordernd. „Nichts weiter!", blockte ich sofort ab. „Das kannst du mir jetzt ja nicht erzählen. Ich sag’ das keinem!", versicherte er nur. „Nein...! Ich weiß nicht. Ich kenne dich ja gar nicht!"„Muss ja nicht so bleiben!", ich sah ihn irritiert an. Wie konnte der Junge denn jetzt nur so locker sein?! Ich verstand das nicht. Ich war auch ein bisschen verwirrt. Wollte er sich wirklich meine Probleme anhören oder wollte er sich so nur an mich ranmachen? Vielleicht war das ja jetzt die neue Masche dabei. Aber irgendetwas sagte mir, dass es nicht so war.Und irgendwie fand ich Vertrauen in diesem Jungen. Und dabei kannte ich ihn gar nicht. Ich wusste, dass er arbeitete und dass es ihm dabei sehr stressig erging. Und seinen Namen kannte ich ja auch immer noch nicht. Wie sollte man denn da Vertrauen aufbauen?! Und doch war ich mir bewusst, dass dieser Junge schon ein wenig meines Vertrauens gewonnen hatte. Ohne dass ich ihn richtig kannte...„Ich...ich weiß nicht. Es...es ist doch komisch. Du weißt doch gar nichts über mich. Und ich eben auch nichts über dich...!"„Also, das mit dir lässt sich ja ändern...!"„Was heißt das?", wollte ich misstrauisch wissen. Warum wollte er mir nicht auch etwas über sich erzählen?! Was war dieses Geheimnisvolle an diesem Jungen?! Und war es vielleicht genau das, was irgendwie das Gefühl in mir auslöste, dass ich ihm vertrauen konnte?„Ich muss jetzt", wiegelte er bewusst ab. „Sehen wir uns morgen wieder hier?"„Wenn du dann auch wirklich kommst...!"„Ach ja, sorry wegen letztens...! Ich konnte nicht. Tom..., das ist mein Bruder, hat mich angerufen, weil wir noch zu ´nem Termin mussten, kurzfristig!"„Zu ´nem Termin?", hakte ich nach und blickte ihn irritiert an. „Arbeitet dein Bruder mit dir zusammen?"„Genau...", er schien leicht verunsichert. „Ja, worum ging’s?"„Äh..., du wolltest gehen!", erinnerte ich ihn. „Aso..., ah ja...! Okay, also, dann bis morgen! Und denk’ nicht an deine Freundin. Das wird schon wieder...!"„Na, hoffentlich...", murmelte ich, sodass er es nicht verstehen konnte. „Was?!"„Nichts, nichts!"„Na, dann! Also, dann tschüss!", er stand auf und ging, ohne sich noch mal umzudrehen.Ich ging kurz darauf auch nach Hause. Etwas befreiter. Lockerer als vorher. Und irgendwie war ich jetzt auch zum ersten Mal froh, dass ich diesen Typen damals beim Shoppen getroffen hatte.Zu Hause angekommen schrieb ich erst mal wieder Tagebuch, denn mein Vater war noch nicht von der Arbeit heimgekommen:Hey, liebes Tagebuch!Ich hab’ ja gesagt, dass ich dir heute noch mal schreibe, wenn noch irgendwas Wichtiges passiert. Und es ist tatsächlich noch was passiert. Auch wenn das nicht unbedingt als wichtig zu bezeichnen ist.Also, ich hab’ zumindest eben die Erkenntnis gehabt, dass dieser Typ, den ich damals beim Shoppen getroffen hab’, ganz „nützlich" ist. Jetzt weiß ich zumindest auch ein bisschen mehr über ihn. Zwar immer noch nicht seinen Namen, aber immerhin: Er arbeitet und das stresst ihn wohl ziemlich. Und er hat ´nen Bruder, der auch mit ihm arbeitet, und der heißt Tom. Ich weiß, ich weiß: Bedürftig, aber immer noch besser als nichts.Also, diesmal hab’ ich ihn sogar zuerst entdeckt und er nicht mich. Na, ich hab’ mich dann neben ihn mit auf die Bank gesetzt. Und dann fragt er gleich mal, wie’s mir geht. Ich ehrlich hab’ natürlich gesagt, dass es momentan nur so geht so ist. Klar wollte ich dann aus Höflichkeit erst mal fragen, wie’s ihm geht. Na, aber er fragt natürlich, was bei mir los ist. Hartnäckig, ne?! Ich hab’ ihm dann eben kurz und bündig gesagt, dass ich mich mit meiner Freundin gestritten hab’.Der hatte aber auch ziemliche Sorgenfalten auf der Stirn, da hab’ ich ihm das auch gesagt und auch gefragt, was bei ihm los wär’. Und dann meinte, er hätte irgendwie Stress bei der Arbeit. Das nehm’ ich ihm aber nicht ab. Ich mein’, welcher Jugendliche hat ´ne Arbeit, die total stresst. Ich mein’, der Typ ist vielleicht siebzehn, höchstens achtzehn. Vielleicht auch noch nicht mal. Aber da gibt’s doch noch keine Arbeit für das Alter, die total stresst. Na ja, vielleicht hat er auch Streit mit irgendwem. Und er wollte mir dann auch nicht verraten, was er arbeitet. Erst sagte er, er könnte es einfach nicht erklären, und dann, dass er es nicht sagen könnte. Da hab’ ich natürlich gefragt, warum. Logisch, oder?! Aber der blockt und fragt wieder wegen meinem Streit mit Leila.Ich hab’ dann irgendwie so ´n Chaos in meinem Kopf gehabt und hab’ dann erst mal wieder drauf los gelabert. Gott sei dank nicht zu viel. Aber ich hätte mich deswegen trotzdem in den Hintern beißen können.Klar hat er dann gesagt, ich soll weiterreden. Hab’ ich natürlich nicht. Aber er hat dann auf mich eingeredet, dass ich ihm echt vertrauen könnte und dass er das auch bestimmt nicht weitersagen würde. Damit ich da nichts sagen muss, hab’ ich dann argumentierte, von wegen, dass ich ihn gar nicht richtig kenne und so. Ich kann so ´nem Typen, von dem ich noch nicht mal den Namen kenne, doch nicht erzählen, was ich schon eigentlich so durchmachen musste und zum Teil ja immer tue. Und ich kenn’ ihn eben nicht. Und dann meinte er eben so was Machomäßiges, von wegen, dass das ja nicht so bleiben muss. Da denk’ ich natürlich gleich erst mal darüber nach, ob der Typ vielleicht was von mir will. Aber keine Ahnung.Nur er will irgendwie auch nichts über sich preisgeben. Er umgeht das dauernd. Auch diesmal.Er meinte total offensichtlich, dass er jetzt gehen muss. Fragte nach, ob wir uns morgen wieder im Park sehen können. Da ist mir die Sache eingefallen, dass er das letzte Mal gar nicht zu unserer Verabredung gekommen war. Hab’ ich ihm dann auch geworfen. Er entschuldigte sich mit einem Termin. Und nebenbei hat er dann auch noch gesagt, dass er einen Bruder namens Tom hat. Danach war er dann so verwirrt, dass er sogar vergaß, dass er eigentlich gehen wollte. Na ja, das war’s dann jedenfalls.Und ich hab’ jetzt auch jedenfalls das Gefühl, dass ich dem Typen vertrauen kann. Und irgendwie kommt er mir auch Mal für Mal netter vor. Also, nicht, dass ich jetzt in den verliebt bin oder so. Aber irgendwie ist der Typ anders als die anderen Jungs, die ich so kenne. Nicht nur so aufs Eine raus. Sondern auch eher so kumpelhaft.Na, ich mach’ mal Schluss. Mehr gibt’s morgen,Deine LanaMein Vater kam heim, als ich gerade meine Schultasche packte. Direkt in mein Zimmer, seinen Aktenkoffer noch in der Hand. Ich sah nur kurz seine Augen und wusste dann schon sofort Bescheid: Er wollte es wieder tun! Er wollte es mir schon wieder antun!„Ich will nicht!", sagte ich fast wie computergesteuert. „Ich will dich aber!", er sah mich fast wütend an. „Zieh’ dich aus!"
Teil 9
„NEIN!", schrie ich. Und er verließ mein Zimmer. Wenn das ab jetzt immer so einfach wäre, müsste ich mir das niemals mehr antun müssen. Aber...Mein Vater kam wieder rein, in der Hand, das letzte Bild meiner Mutter, in der Handstellung zum Zerreißen. „Du machst jetzt das, was ich will!", und ich tat es. Wenn auch diesmal unter Zwang. Es war ekelig, grauenvoll! Ich wollte es nicht noch einmal erleben müssen, doch ich wusste auch, dass das nächste Mal bestimmt kommen würde. Ganz bestimmt.Ich schlief vor Unruhe kaum ein. Ich fühlte mich so dreckig. Ich ekelte mich wieder vor mir selbst.Der nächste Morgen brach besser an. Und ich hoffte, dass das auch so blieb.Der Schultag verlief in jederlei Hinsicht ähnlich wie der vorige. Und bei der Sache mit Leila hatte sich auch nichts geändert. Na, bis auf, dass sie mich heute Morgen noch kurz gegrüßt hatte und nicht mehr mit Dana, der Oberzicke, rumhing. Doch in den Pausen blieb sie weiterhin unauffindbar. Schlecht gelaunt machte ich zu Hause Hausaufgaben und weil ich keine Lust hatte, wieder zwei Tagebucheinträge an diesem Tag zu schreiben, verschob ich es auf abends, wenn ich das Treffen mit dem Typen hinter mir haben würde. Dann gab’s hinterher also eine ganze Menge zu erzählen.Ich machte mich auf den Weg in den Park und fand den Jungen gleich wieder, auf der Bank sitzend.„Hi...", meinte ich ebenso, wie wenn ich einen guten Freund begrüßen würde. „Hi", sagte er auch. Ich sah ihn dann ein bisschen irritiert an und setzte mich dann unaufgefordert neben ihn. Und dass er nichts sagte, erweckte bei mir irgendwie den Eindruck, dass dieses Treffen keinen wirklichen Sinn machte.„Ich hab’ mir für heute was ausgedacht...!", platzte er plötzlich heraus und klang dabei ziemlich euphorisch. „Ah ja...", sagte ich daraufhin etwas hoffnungslos. „Es gibt dann aber eine Bedingung...!"„Ah ja...", wiederholte ich mich. „Willst du mich denn nicht besser kennen lernen?"„Dich besser kennen lernen?!", wurde ich hellhörig. „Ja, ich hab’ gedacht, wir könnten uns ein bisschen über uns erzählen...!"„Aso...! Und was soll’ s da für Bedingungen?"„Du kannst mich alles fragen, aber ich hab’ ein Recht darauf, auf manche Fragen nicht zu antworten!"„Na, schön! Wenn’s unbedingt sein muss...!"„Ja, muss es...! Und außerdem willst du ja, dass wir uns kennen lernen!"„Ich?!", ich rief das fast so empört aus, dass sich einige Passanten zu uns umdrehten. „Das hab’ ich nie behauptet!", sprach ich leiser. „Ja, aber du scheinst mir ja nichts anvertrauen zu wollen, wenn du mich nicht kennst!"„Na, und?", wollte ich verwirrt wissen. „Ich will dir aber helfen und das kann ich nicht, wenn du dich mir nicht anvertraust...! Und das tust du ja nur, weil..."„Wobei willst du mir denn helfen?!"„Du hast Probleme. Du müsstest dich mal sehen. Jedes Mal, als ich dich bis jetzt getroffen hab’, hast du immer ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter gemacht...!"„Na, mir ging’s da eben nicht so gut. Und woher willst du außerdem wissen, dass ich Probleme hab’?!"„Das sieht man dir doch ganz klar an!", meinte er schlicht. „Jedenfalls will ich dir helfen und weil du dich ja nicht anders mir gegenüber öffnest, kannst du mich jetzt alles fragen, was dir so auf der Welt einfällt. Nur hab’ ich eben mein Recht...!"„Na, schön...!", gab ich nach, denn die ganze Argumentiererei ging mir schon ziemlich auf die Nerven. Ich überlegte kurz und fragte dann erst mal: „Wie heißt du und wie alt bist du?!"„Ich bin siebzehn, aber erst vor etwas über einem Monat geworden. Na, und das mit dem Namen wirst du noch zu der richtigen Zeit erfahren...!"„Zu der richtigen Zeit?", meinte ich irritiert. „Und wie soll ich dich denn dann die ganze Zeit über bitteschön nennen?!"„Das Du reicht schon. Und außerdem sind wir bis jetzt ja auch schon ganz gut klargekommen!"„Na, wenn du meinst...", ich war noch etwas verwirrt, fuhr aber fort: „Und was hast du für ´ne Arbeit?!"„Das kann ich dir auch noch nicht sagen...!"„Na, das ist ja ganz toll...! Du bist echt lustig...! Wie soll ich dich denn kennen lernen, wenn du mir gar nichts über dich verraten willst?!"„Mann, sorry...! Ich kann’s dir halt einfach nicht sagen!"„Warum?"„Na, eben deswegen...! Ich kann es dir echt nicht sagen. Es tut mir Leid...!"„Mann, warum sitzen wir denn überhaupt hier?!", fragte ich leicht zornig und sprang auf. „Ich will dir doch nur helfen, Lana...!"„Mir kann NIEMAND helfen!", schrie ich und schritt schnellen Fußes davon. Sauer und wütend auf mich und die Welt.Und als ich zu Hause ankam, war mein Vater auch schon da. Noch ganz in Gedanken betrat ich die Wohnung und beachtete ihn erst mal gar nicht. Ich wollte in mein Zimmer, aber da erschallte schon seine Stimme: „Komm’ her, Mädel!", ich trat langsam an ihn heran, genau wissend, was jetzt kommen würde.Und wieder tat er es skrupellos. Es war so furchtbar. Und das Schlimmste daran war, dass er genau zu wissen schien, was er tat. Ich wollte nicht mehr. Ich ekelte mich. Ich wollte nicht, dass er es mir weiter antat, aber das interessierte ihn nicht. Egal, wie sehr ich mich auch wehrte.Und irgendwann stieß ich ihn von mir und trat ihn dahin, wo es am meisten wehtat. Er schrie vor Schmerz kurz auf und krümmte sich.Ich nutzte die Gunst der Stunde und rannte aus dem Zimmer. Blitzschnell schlüpfte ich in meine Sachen und verließ hektisch die Wohnung. Ich rannte das Treppenhaus hinunter, so schnell ich konnte, und stürmte dann hinaus, erst mal den Weg entlang, bis ich mich sicher genug fühlte. Dann ließ ich mich auf eine nahegelegene Bank sinken und meinen Kopf in die Hände. Wieder lief alles noch mal vor meinen Augen ab. Der Zwang. Die Qual. Der Schmerz. Ich fing an zu weinen. Es war einfach zu grausam. Ich wollte nicht weiter daran denken müssen, doch das konnte ich nicht. Ich fürchtete mich davor, was mein Vater jetzt womöglich tun würde. Würde er völlig austicken und mich schlagen? Oder es einfach weiter tun? Sich weiter an mir vergehen und mir so Schmerzen und Qualen bereiten? Nein, das durfte er nicht. Ich wollte das nicht! Ich wollte mich wehren...„...Lana...?", hörte ich eine Stimme sagen und schreckte aus meinen Gedanken hoch. Ich hatte mich richtig erschreckt und blickte nun zittrig auf. Bill lass’ es nicht meinen Vater sein, dachte ich nur noch.Und er war es nicht. Vielleicht zu meinem Glück. Aber es war jemand Anderes, der mich kannte, und die Anwesenheit dieses Jemand überraschte mich doch ziemlich. Es war der Junge aus dem Park. Der, dessen Bruder Tom hieß. Der, den ich gerade so ziemlich heftig angeschrieen hatte.„Ha-ha-hallo...!", sagte ich schniefend. „Was ist los?", fragte er sofort. „Nichts!", blockte ich wiederum ab, denn ich hatte diese Frage schon erwartet. „Mann, Lana...! Erzähl’ mir nichts...! Du hast geweint und du siehst völlig fertig aus...! Was ist los, verdammt?!", er fuhr mich dabei so unwidersprüchlich an, dass ich ernsthaft mit meinem Gewissen zu kämpfen hatte. „Ich will nicht darüber reden!", damit konnte ich meine Lüge, und mochte es eine Notlüge sein, gerade noch aufrechterhalten.„Lana, bitte!", fing der Junge wieder an. „Gerade eben im Park bist du doch voll ausgetickt. Das hat doch was zu bedeuten...! Was ist mit dir los? Warum hast du geweint? Was ist passiert?!", ich stöhnte vor lauter Eingerede auf mich. Bevor ich mich erneut wehren konnte, machte er schon weiter: „Mann, Lana! Ich will dir helfen...! Jetzt vertrau’ mir doch mal endlich was an!", in mir brach plötzlich eine Barriere und eine Flut aus Wut und Wahrheit fand ihren Weg.
Teil 10
„Ich soll dir was anvertrauen?!", schrie ich ihn aus vollem Leibe an. „Ich soll dir so einfach erzählen, warum ich weine...?! Meinst du im Ernst, dass es so harmlos ist...?! Dass es so harmlos ist, dass...", ich senkte meine Stimme, „...dass mein Vater sich an mir vergeht...?! Meinst du, es ist so einfach, das irgendwem zu sagen...?! Hast du ´ne Ahnung, was für eine Qual und...und...", ich suchte nach Worten. Der Junge ohne Namen legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter.„Hey,...Lana...!", ich blickte mit verheultem Gesicht zu ihm. Sein Gesicht trug Mitleid, aber auch Hilfsbereitschaft. Und genau das gab mir Hoffnung. Und dass er mir einfach nur über die Schulter strich und mir so das Gefühl gab, für mich da zu sein, und dabei nichts sagte, beruhigte mich zutiefst.Eine ganze Weile lang saßen wir noch da auf der Bank und schwiegen. Und irgendwann ergriff er dann das Wort: „Bin ich der Erste, dem du das sagst?!"„Nein...", schniefte ich fast. „Wem hast du’s noch gesagt?"„Meiner besten Freundin..."„Dieser Leila?!", fragte er. Ich blickte ihn irritiert an. Woher kannte er Leilas Namen?„Das hast du letztens erwähnt...!", beantwortete er meine Gedankenfrage. „Aso..."„Hast du mit ihr darüber gesprochen...?!"„Nein, nicht wirklich. Sie meinte nur, dass ich mich da allein wehren muss!"„Sonst nichts...?!"„Nein, nichts. Und ich mein’, das ist doch ziemlich dürftig, wenn man bedenkt, dass sie meine einzige und beste Freundin ist...!"„Sie mag ja Recht haben!", sagte er, worauf ich ihn ziemlich empört ansah. „Aber sie kann dir doch trotzdem helfen...!"„Ich will aber nicht zur Polizei oder so!", bemerkte ich aus Vorsicht. „Ja, das war mir schon klar!", dass er das sagte, gab mir weiter Vertrauensgefühl.„Macht er das oft?", er sprach jetzt mit ziemlich belegter Stimme. Ich sah ihn berechnend an und antwortete: „In letzter Zeit ist es weniger geworden, aber die letzten beiden Abende kam er wieder an...! Es ist so..."„Du brauchst es nicht zu erzählen, wenn du nicht willst...!", unterbrach er mich. „Doch, ich will..."„Ich bin übrigens Bill...!", ich registrierte kaum, dass er sich mir nun endlich mal vorgestellt hatte. Aber trotzdem merkte ich es mir, obwohl ich momentan eher damit beschäftigt war, mir zu überlegen, wie man diese Qual beschreiben sollte.„...Er...er kam am Anfang immer total blau an...! Da hab’ ich gedacht, es liegt am Alkohol...", ich sah zu dem Jungen namens Bill, ob er mir überhaupt noch zuhörte, weil ich nicht gerade das Gefühl hatte, dass das, was ich da erzählte, besonders aufregend für außenstehende Menschen war. Aber er blickte mich immer noch interessiert an. Also fuhr ich fort, etwas gehaltener: „Aber dann war er irgendwie immer total nüchtern. Und dann...er hat einfach immer weitergemacht. Ich konnte...konnte mich nicht wehren. Vielleicht...vielleicht hätte er mich dann geschlagen...!"„Ja, das versteh’ ich..."„Aber Leila nicht. Sie meint, ich müsste mich selbst wehren. Sie ist der Meinung, dass ich das alleine schaffen soll...!"„Am Ende liegt es ja tatsächlich bei dir, aber sie kann dir doch trotzdem helfen. Dich aufbauen, dir zu irgendwas raten oder so...!"„Ja..."„Rede doch mal mit ihr!"„Geht momentan schlecht! Wir haben uns total gefetzt, reden kaum noch miteinander...!"„Gar nicht mehr?", hakte er nach. „Sie grüßt mich morgens, sonst nichts!"„Dann nimm sie dir da zur Seite!"„Trau’ ich mich nicht!"„Und in den Pausen?!"„Da ist sie immer spurlos verschwunden!"„Dann machst du’s halt nachmittags!"„Zu ihr nach Hause fahren?!", fragte ich empört und sah ihn ungläubig an. „Du spinnst ja wohl!"„Willst du denn etwa gar nichts tun?"„Doch, aber nicht so...!"„Anders geht’s nicht!"„Warum merkt die denn nicht selbst, dass es mir nicht so gut geht?!", wollte ich wissen. Das war eher als Empörung gedacht, doch dieser Bill nahm es ernst an: „So ist der Mensch heutzutage!"„Hahaha..."„Nein, im Ernst! Wir denken erst mal alle nur an uns und erst dann an Andere...!"„Also, so bringt mich das aber auch nicht weiter!", meinte ich. „Sonst noch ´nen Vorschlag?!"„Nee, jetzt heißt’s eben alles oder nichts!"„Mann!", stieß ich aus und dachte über irgendwas Alternatives nach. Aber da gab es nichts. Da hatte dieser Bill schon Recht.„Okay, ich geh’ zu ihr!", sagte ich kurz und bündig. Bill sah mich wegen der schnellen Entscheidung erst kurz verwirrt an, aber fragte dann ganz normal: „Wann?"„Gleich, aber erst noch ´ne Frage...!"„Ja...?! Ohren sind gespitzt!"„Eher zwei!"„Na, dann leg’ doch mal endlich los!", er grinste und zum ersten Mal an diesem Tag konnte ich es auch. „Okay. Also, ähm,...warum hast du mir denn jetzt deinen Namen gesagt...? Ich mein’, warum nicht vorher?! Oder was hat das mit dem Namen auf sich?!"„Ich geb’ meinen Namen eigentlich nicht so gerne preis...!", und das nahm ich ihm dann so aber mal gar nicht ab, aber ich sagte auch nichts darauf und machte weiter: „Und was ist das jetzt mit deiner Arbeit?"„Das sag’ ich dir demnächst...!"„Also, noch mehr Geheimniskrämerei?", wollte ich grinsend wissen. „Genau...! Und nun auf zu deiner Freundin!"„Sehen wir uns wieder?!"„Nee, ich bin die ganze nächste Woche nicht hier...!"„Oh...", und ich bedauerte es wirklich. Sonst hätte er wenigstens noch ein wenig den Tröstenden spielen können, wenn Leila jetzt nicht wollte. Aber so?! Wie sollte ich das denn jetzt schaffen?„Ich kann mich sofort bei dir melden, wenn ich wieder da bin...! Gib mir mal bitte deine Handynummer!"„Warum gibst du mir nicht deine?", fragte ich. „Geht nicht. Kann ich nicht auswendig...!"„Ah ja, und Handy auch nicht dabei, nehm’ ich an?!", und ich grinste dabei schon, weil diese Lüge zu durchschaubar war. Ohne dabei an den Grund der Lüge seitens Bills zu denken, überging ich es. „Also, ich geb’ dir meine", und ich diktierte sie ihm. „Okay, also, bis dann. Du schaffst das schon mit Leila...!", meinte er aufmunternd. „Und das mit deinem Vater..., versuch’ dich zu wehren, solange du kannst...!"„Als ob das so einfach wär’...!"„Versuch’ es wenigstens....!"„Ich will das aber langsam echt nicht mehr. Es...er quält mich so!"„Ich weiß...", er kam auf mich zu und nahm mich sanft in den Arm, „ich weiß! Aber du schaffst das schon! Das weiß ich...!", er hievte mich aus seinen Armen. Ich musste einfach lächeln, um ihn zu überzeugen, dass ich tatsächlich wenigstens versuchen würde. „Okay", er klopfte mir auf die Schulter. „Also, dann mach’s mal gut!", er drehte sich um und ging von dannen.Noch lange sah ich ihm nach und als er dann nicht mehr zu sehen war, hatte ich das Gefühl, einen neuen Freund gewonnen zu haben. Und zwar ausschließlich in freundschaftlicher und kumpelhafter Hinsicht. Jemand, der mich verstand. Und auch jemand, dem ich mein Vertrauen schenken konnte, auch wenn ich ihn kaum kannte.Doch nun kam ich auch wieder in die Realität zurück. Was wäre, wenn ich jetzt nach Hause kommen würde? Würde mein Vater mich schlagen, weil ich ihm zwischen die Beine getreten hatte? Hoffentlich nicht...!Mit diesen Gedanken machte ich mich auf den Rückweg nach Hause. Als ich vor unserer Wohnungstür stand, den Schlüssel in der Hand, hatte ich ganz zittrige Knie. Ängstlich drehte ich den Schlüssel im Schloss um. Die Tür sprang auf.
Teil 11
Ich setzte leise einen Fuß vor den anderen. Nichts war zu hören, außer mir. Nichts. „Hallo?!", fragte ich in die Stille hinein, ohne recht darüber nachzudenken. Keine Antwort. Noch nicht mal ein Geräusch der Bewegung. Nichts. Das überraschte mich.„Papa!", rief ich zur Sicherheit noch mal. Wieder nichts. Ich atmete erleichtert aus und trat weiter in die Wohnung hinein. Auf dem sonst leeren Küchentisch entdeckte ich ein Stück Papier. Mir war sofort alles klar. Ich trat näher heran und blickte hin. Zu lesen war: „Das wirst du büßen! Mach’ dich auf was gefasst. Papa", oh, je! Okay, ruhig bleiben war jetzt angesagt. Vielleicht würde er ja nicht mehr kommen. Aber vielleicht auch doch. Und mein Kopf rauchte beinahe von dem ganzen Geschehenen an diesem Tag. Ich musste erst mal ein bisschen darüber nachdenken und schrieb dann Tagebuch:Liebes Tagebuch,Sorry. Aber ich hab’ heute nicht so viel Zeit, weil Papa gleich wiederkommen wird und da könnt’s dann brenzlig werden, aber das erklär’ ich dir gleich.Also, erst mal wollte Leila heute in der Schule immer noch nichts mit mir zu tun haben. Hat mich nur gegrüßt. Aber wenigstens war sie nicht wieder bei Dana.Nach den Hausaufgaben hatte ich ja dann die Verabredung im Park. Der Typ namens Bill, was ich jetzt mittlerweile weiß, wollte, dass wir uns besser kennen lernen, weil ich ihm ja ansonsten nichts anvertrauen würde. Der hat ja wohl ´nen Vogel! Jedenfalls hatte er so komische Bedingungen und er wollte mir eben partout nicht sagen, wie er heißt und was er arbeitet. Also, das mit der Arbeit hat er mir bis jetzt ja immer noch nicht verraten. Ich weiß nur so viel: Die ganze nächste Woche ist er nicht in der Stadt. Merkwürdige Arbeit, die der da hat. Muss ja echt stressig sein, wenn der mal ´ne ganze Woche lang nicht zu Hause ist. Und zur Schule geht der wohl also auch nicht mehr. Na, aber ich muss mich ja jetzt beeilen, deswegen hör’ ich jetzt mal damit auf und fahr’ weiter im Text.Also, ich hab’ den Typen dann so richtig angefaucht, weil er mir ja doch eigentlich niemand helfen kann. Zumindest kannte er meine Probleme bis dahin noch gar nicht. Na, bis dahin, sag’ ich ja. Es ist natürlich noch ´ne ganze Menge mehr heute passiert, aber ich versuch’ mal, mich relativ kurz zu fassen:Also, als ich dann nach Hause kam, war Papa auch schon da. Das hab’ ich leider nur zu spät gemerkt. Und dann...hat er mich wieder vergewaltigt. Du glaubst nicht, wie schrecklich das war. Ekelig.Ich konnte dann irgendwann nicht mehr und hab’ ihn weggestoßen. Und dann ´nen Tritt ins beste Stück. Da hat er auch erst mal aufgeschrieen. Vor Schmerz. Genau der gleiche Schmerz, den ich die ganze Zeit über erleiden musste. Geschieht ihm recht! Wie ich ihn doch hasse!Und ich hab’ mir dann schnell was angezogen und bin raus. Erst mal weg. Ich bin dann, glaub’ ich, irgendwo zwei Straßen weiter gelandet.Und plötzlich steht der Typ aus dem Park schon wieder neben mir. Ich hab’s nicht geglaubt. Jedenfalls hat der mich dann so lange weichgekocht, bis ich dann ziemlich ausgetickt bin und ich dann alles auf einmal aus Versehen ausgespuckt hab’. Und du wirst nicht glauben, wie er reagiert hat. Er hat gefragt, ob er der Erste ist, der das weiß! Hab’ ich verneint. Und er hat sich dann irgendwie an Leila erinnert. Und dann hat er halt weiter gefragt, ob wir schon darüber geredet hätten und so. Hab’ ich wieder verneint.Na, dann hat er halt gefragt, wie oft Papa das tut. Ich hab’ dann drum rum erzählt. Und er meinte, ich müsste das nicht beschreiben, aber ich wollte irgendwie, weil da jetzt ja doch schon ein gewisses Vertrauen zu diesem Jungen war. Ich hab’ ihm dann auch erzählt, was ich Leila gesagt hab’, und irgendwie hat er merkwürdigerweise auch nie das Interesse verloren. Obwohl ich mich zu Tode langweilen würde, auch wenn ich helfen wollte.Und dann hat er mir gesagt, ich soll mit Leila reden. Aber in der Schule bekam ich sie eh so gut wie nie zu fassen. Und privat traute ich mich bis vorhin auch nicht. Aber jetzt hab’ ich’s Bill ja fast versprochen und dann muss ich da gleich wohl wohl oder übel hin. Na, und er hat mir eben auch geraten, mich zu wehren, bei Papa. Solange ich kann. Na, der ist lustig...! Na ja, er hat meine Handynummer haben wollen, weil er sich melden will, wenn er wieder da ist. Da hab’ ich natürlich erst mal gefragt, warum er mir nicht auch seine gibt. Na, er hat gesagt, er hätt’s nicht dabei und könnte die Nummer auch nicht auswendig. Klar ´ne Lüge! Ich mein#, welcher Teenager hat sein Handy heutzutage nicht dabei?! Ich geh’ ja auch schon nicht mehr ohne aus dem Haus.Na, ich glaub’, ich geh’ jetzt mal zu Leila und rede mit ihr. Und vielleicht laufe ich Papa so ja auch erst mal nicht über den Weg. Ist auch besser so.Ich sag’ dir nachher, wie’s war. Bis dann,Deine LanaIch cremte mich ein und machte mich dann mit dem Bus ohne weitere Vorkommnisse auf den Weg zu Leila.Innerlich war ich noch ziemlich aufgewühlt von den ganzen Geschehen. Das Tagebuchschreiben hatte in dem Sinne auch nicht mehr so viel gebracht, weil ich mich ziemlich kurz gehalten hatte. Aber ich war ein bisschen ruhiger geworden und ich hatte auch das Gefühl, dass ein bisschen Last von mir abgefallen war. Doch ich hatte auch irgendwie das Bedürfnis gehabt, es irgendwem, und es sollte es ein Tagebuch sein, mitzuteilen.Jetzt hatte ich auch schon im Vorhinein beschlossen, vor Leila kein Wort von Bill zu erwähnen. Vielleicht würde sie das ja eifersüchtig machen und so noch verstimmter.Ich war da. Der Bus war gerade abgefahren und nun schritt ich langsam auf das Haus von Leilas Familie zu. Ich war unsicher und ziemlich nervös. Gespannt, was kommen würde. Auf Leilas Reaktion. Und nervös aus Angst, was Falsches zu sagen.Ich klingelte. Schritte. Leilas Mutter öffnete mir und begrüßte mich freundlich: „Hallo, Lana! Du möchtest sicher zu Leila, oder?!", ich nickte schüchtern. „Sie hat Alexa gerade zu Besuch. Warte doch bitte einen..."„Alexa?!", fiel ich ihr erschüttert ins Wort. „Ja, gestern war sie auch schon hier. Ein nettes Mädchen, findest du nicht auch?", ich antwortete nicht, denn ich war wie erstarrt. Irgendwie herrschte gerade ein mächtiges Chaos in meinem Kopf. Alles kam zusammen. Die Enttäuschung, dass Leila mir bei der Sache mit meinem Vater nicht beistehen wollte. Die Angst, dass sie in Alexa eine bessere Freundin finden würde. Und die Wut darüber, dass sie sich mit ihr traf. Und ich gab auch selbst zu, dass ich ein bisschen eifersüchtig war. Aber ich verstand auch nicht, wie sie mich in einer solchen Situation jetzt so alleine lassen konnte.Ohne weiter nachzudenken, lief ich an Leilas Mutter vorbei die Treppe hoch. Die Rufe ihrerseits, was denn los wäre, realisierte ich gar nicht richtig. Ich wollte es auch einfach nicht hören.Hitzig öffnete ich die Tür von Leilas Zimmer. Leila saß da mit dieser Alexa auf dem Teppich und sie sahen sich zusammen Leilas Postersammlung an. Genauso, wie wir es damals kurz nach den Sommerferien getan hatten.Und noch hatten sie mich anscheinend nicht bemerkt. Ich überlegte kurz, was ich tun sollte. In mir brodelte Wut, doch ich wusste, dass Vorwürfe jetzt auch nichts bringen würden. So würde nur noch mehr Streit entstehen. Also wählte ich die vergleichsweise brave Variante. „Hey, Leila...!"„Oh...", sie und Alexa blickten auf. „Wir haben dich gar nicht kommen hören, Lana...!", komische Bemerkung, wenn ich daran dachte, dass ich gerade eben die Treppe wie eine Hyäne hochgejagt war.„Hi, Lana!", sagte Alexa. „Hi...", meinte ich leicht niedergeschlagen und wandte mich direkt wieder an Leila: „Können wir mal bitte reden?"„Jetzt?!", fragte sie irritiert. „Ja, jetzt...!", ich sagte das beinahe herablassend, aber ich blieb dabei deutlich. Sie schaute zu Alexa, die nickte. Leila folgte mir in den Flur hinaus. Ich drehte mich zu ihr um, sobald das Geräusch der zugefallenen Tür in meinen Ohren erklungen war.„Also, was gibt’s?", wollte Leila wissen, ihre Stimme von Lockerheit erfüllt. „Ich wollte mit dir reden!"„Ja, weiß ich ja...!"„Also, ich weiß ja nicht, was das gestern und heute sollte, aber..."„Ich dachte, ein bisschen Abstand kann ja nicht schaden...!"„Warum Abstand?", fragte ich irritiert. „Ich dachte, das ist gut, damit du verstehst, dass du das alleine schaffen musst, das mit deinem Vater...!"„Letztlich schon...", erinnerte ich mich an die Worte des Jungen namens Bill, „aber du kannst mir ja trotzdem beistehen und mir zu irgendetwas raten oder so...!"„Und wenn ich das nicht möchte...?!", das kam unerwartet und traf mich deswegen auch wie ein Schlag. Leila war meine einzige und beste Freundin. Ich erwartete wirklich nicht viel, aber wenigstens, dass sie mir einer solchen Situation half.
Teil 12
Ich hatte meinen Mund auf und hatte irgendwie eine wütende Bemerkung auf der Zunge, aber ich konnte mich gerade noch in Zaun halten. „War’s das?", fragte mich Leila frech. „Was soll das?", ich sprach, so ruhig es ging. „Ich habe Besuch", das sagte sie total barsch. Ich sah sie nur noch mal ungläubig an und drehte mich dann um. Leilas Mutter war von der Tür verschwunden, sodass ich unbemerkt das Haus verlassen konnte. Missmutig. Traurig. Voll Hoffnungslosigkeit.Und als ich zu Hause ankam, und jetzt wirklich mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, wartete gleich noch die nächste Überraschung auf mich. Mein Vater.Immer noch in Gedanken, Tränen in den Augen, hatte ich die Wohnungstür aufgeschlossen. Den Blick zu Boden gerichtet. Ich hörte Schritte näherkommen und wollte gerade den Kopf heben, als mich irgendwas schmerzhaft am Bauch traf. Sekunden später war mir auch klar, was: Das Bein meines Vater. Ich wusste nicht zu reagieren. Es tat so weh. Der Schmerz. Es stach so furchtbar. Und dann fiel ich zu Boden. Und noch mehr tat weh. Noch mehr. Ein Schlag. Noch ein Tritt. Noch ein Schlag.Das Tageslicht schwand...Meine Augen waren geschlossen. Ich spürte immer noch ein leichtes Drücken im Bauch und ein Stechen im Arm. Ich schlug die Augen auf und sah erst mal nur schwarz. Meine Augen gewöhnten sich recht schnell an die Dunkelheit und ich erkannte an den schemenhaften Umrissen, entstanden durch den Mondschein, wo ich war.Ich setzte mich vorsichtig auf, darauf bedacht, mich bloß nicht irgendwo zu stoßen, wo ich blaue Flecken hatte. Doch alleine dabei hätte ich vor Schmerz aufschreien können. Jede Stelle meines Körpers schien empfindlich Wie lange musste mein Vater noch auf mich eingeschlagen und -getreten haben?! Ich war bloß froh, dass ich da schon nicht mehr bei Bewusstsein gewesen war. Wenn ich alleine an die Schmerzen dachte, die ich beim ersten Tritt gehabt hatte, lief es mir kalt den Rücken runter.Nachdem ich mich ächzend aufgesetzt hatte, tat mir immer mehr weh. Ich stand unter noch mehr Schmerzen auf, schlich leise und vorsichtig in mein Zimmer und legte mich schlafen, ohne mich auszuziehen. Und ans Tagebuchschreiben war in dieser körperlichen und auch seelischen Verfassung gar nicht erst zu denken.Als ich am nächsten Morgen aufwachte, ging es mir bedeutend besser. Ich ging erst mal baden. Mein Vater war zum Glück mal wieder auf der Arbeit, obwohl Samstag war. Aber besser so.Nach dem Duschen schrieb ich Tagebuch. Bill konnte ich es ja gerade schlecht sagen. Er war weg. Und auch wenn das Tagbuch mir diesmal wieder nicht antworten würde und mir auch nicht helfen konnte, war es besser, als wenn das die ganze Zeit auf meinen Schultern lasten würden. Und deprimiert, wie ich war, war es auch besser. Mit zittriger Hand schrieb ich und zwar ziemlich unleserlich. Meine Hand tat immer noch weh. Was musste mein Vater damit gemacht haben?!Tagebucheintrag:Liebes Tagbuch,Sorry schon wieder, dass ich dir erst jetzt schreibe. Aber gestern ging’s nicht. Ich konnte nicht.Oh, mann! Du wirst nicht glauben, was gestern passiert ist. Ich bin dann ja echt zu Leila gefahren, hatte von Anfang an ´n komisches Gefühl. Na ja, jedenfalls hat mir ihre Mutter da so die Tür aufgemacht und meinte doch prompt, dass Alexa, diese Neue in unserer Klasse, zu Besuch wär’ und was für ein nettes Mädchen sie doch sei. Na, da hab’ ich natürlich erst mal so ´nen Schock gekriegt und wollte Leila mal so richtig zusammenscheißen, hab’ ich dann aber schließlich doch nicht getan. Ich hab’ dann versucht, mich zu beruhigen, und gefragt, ob wir mal reden können. Das ist dann in ´nem Fiasko geendet, aber erst muss ich noch sagen, dass Alexa mich dann noch so scheinheilig angesprochen hat. Ja, klar, mann! Das Mädel kann mich mal irgendwo!Also, ich direktes Kind hab’ dann natürlich gleich mal gefragt, was das die letzten beiden Tage so sollte. Und da meinte sie doch tatsächlich im Ernst, dass sie dachte, Abstand wär’ mal ganz gut. Hab’ ich natürlich gefragt, warum um alles in der Welt! Ich mein’, stimmt doch, oder?! Sind wir ein Paar, das mal ´ne Beziehungspause braucht oder was?! Das kann ja wohl echt nicht ihr Ernst sein, dachte ich. Nee, aber doch. Sie sagte, damit ich das akzeptier’, dass ich das mit der Sache mit Papa alleine schaffen soll. Die hat doch wohl echt ´nen Vogel, oder?! Ich mein’, wer kommt ´n auf so ´ne Idee?! Abstand zwischen Freundinnen, gibt’s das überhaupt irgendwo?! Also, ich hab’s zumindest so noch nie gehört. Ist doch einfach nur ´ne hirnrissige Idee!Na, aber das war ja noch lang nicht alles, gestern...! Mann, meine Handy tut schon wieder total weh vom Schreiben. Ach, sorry übrigens, dass ich heute nicht so ordentlich schreibe. Geht nicht so wirklich heute. Aber das erklär’ ich gleich noch.Na, ich hab’ ihr dann an die Stirn geworfen, was Bill mir gesagt hatte. Das von wegen, dass sie mir trotzdem beistehen und mir Ratschläge erteilen kann oder so. Aber nichts. Soll ich dir sagen, was sie darauf meinte?! Sie hat doch im Ernst gesagt: „Und wenn ich das nicht möchte...?!", im Ernst. Ich hab’ gedacht, ich hör’ nicht richtig. Aber doch. Da hab’ ich versucht mich, so ruhig, wie’s ging, zu halten, und gefragt, was das soll. Und sie dann voll so zickig, dass sie Besuch hat. Ja, als wüsste ich das nicht. Diese dumme Alexa. Will die die Freundschaft zwischen Leila und mir kaputtmachen?! Anscheinend schon...!Jedenfalls geht’s mir jetzt deswegen ziemlich mies. Ich weiß nicht so recht, was ich denken soll. Also, so über unsere Freundschaft. Aber das war ja immer noch nicht alles, gestern. Ich bin dann voll mies gelaunt nach Hause und dann komme ich in die Wohnung. Und dann...dann startet Papa seinen Racheakt auf mich. Na, er hat mich ja vorgewarnt, hab’ ich vergessen, die zu erzählen. Aber so?! Ich hab’ ja nur wenig davon abbekommen, also zumindest bei vollem Bewusstsein. Ein paar Tritte und ein, zwei Schläge, aber das hat mir schon gereicht. Dann wurde mir schon schwarz vor Augen. Es war so schlimm. Es war schmerzhafter als alles. Aber immer noch besser, als wie wenn er sich wieder an mir vergangen hätte. Das ist zehnmal schlimmer. Da lass’ ich mich lieber zu Brei hauen. Wirklich...!Na, jetzt tut mir zumindest alles weh und wenn ich an Leila denke...bah,...da krieg’ ich Tränen in den Augen. Ich will sie doch nicht verlieren! Ich will doch, dass wir Freundinnen bleiben! Ich hab’ doch niemand Anderen außer ihr. Sie ist mir total wichtig...! Da wird selbst Papas Ausraster zur Nebensache.Na, jetzt ist er zumindest erst mal weg. Zum Glück. Na, ich hätt’ jetzt aber eher gesagt lieber Schule gehabt. Dann wär’ ich wenigstens abgelenkt von dem ganzen Mist in meinem Leben...!Na ja, ich überleg’ mir mal, ob ich heute noch mal zu Leila gehe, um mit ihr zu reden.Irgendwie fehlt mir dieser Bill. Also, so zum Reden. Einfach nur so. Weil er mir ja vielleicht Ratschläge hätte geben können. Aber nichts ist.Na ja, bis dann,Deine LanaNach dem Tagebuchschreiben sah ich ein bisschen fern, aber ich langweilte mich nur. Es lenkte mich nicht ab und ich musste eh die ganze Zeit an Leila denken. Irgendwann hielt ich es dann nicht mehr und machte mich auf den Weg zu ihr.Wie auch beim letzten Mal öffnete mir ihre Mutter wieder die Tür und begrüßte mich wiederum freundlich, hatte dabei jedoch einen kritischen Ausdruck auf dem Gesicht.„Hallo...! Entschuldigen...ähm..., Entschuldigung wegen gestern...!"„Schon okay...", sagte sie freundlich und lächelte mich an. Dann erstarrte ihr Blick. Ich sah sie irritiert an und fragte: „Was haben Sie?!"„Was hast du da am Arm, Liebes?", sie schaute mich besorgt an und dann wieder auf meinen blauen Flecken am Arm. Ich drehte den Arm weg und versteckte ihn hinter meinem Rücken.
„Es ist nichts...! Ich...ich hab’ mich bloß gestoßen...!"„Ah ja...", ich merkte an dem Ton ihrer Gesicht, dass sie mir das ganz sicher nicht abnahm, aber was Anderes konnte ich ja nicht tun. Ich konnte ihr ja wohl schlecht die Wahrheit auftischen, oder?! Und außerdem wollte ich es auch niemandem sagen, außer Bill vielleicht. Aber der war ja momentan schlecht erreichbar. Und das Tagebuch gab ja nun mal auch keine Rückantwort. Doch die brauchte ich jetzt. Dringend. Nur hatte ich zu Leila momentan einfach zu wenig Vertrauen. Wegen der Sache vom Vortag.„Du willst sicher zu Leila", meinte ihre Mutter nach ein paar Sekunden Stille. Ich nickte zaghaft. „Tja, tut mir Leid, aber heute ist sie bei Alexa...!", na, bravo! Der Tag fing ja echt schon gut an.„Okay...", ich wandte mich zum Gehen. „Bei euch läuft’s wohl momentan nicht so gut, he?!", wollte ihre Mutter wissen. Ich nickte nur leicht und ging.Meine ohnehin schlechte Laune erreichte so einen neuen Tiefpunkt. Ich glaubte das einfach nicht. Warum tat Leila mir das bloß an?! Sie schien sich mit Alexa einfach einen Ersatz zu suchen. Weil ihr irgendwas an mir wohl nicht passte. Vielleicht meine Probleme.Ich rang mit dem Gedanken, zu Alexa zu fahren, um Leila da mal so richtig die Meinung zu sagen. Aber ich ließ es dann. Ich hatte Angst, unsere ohnehin schon brüchige Freundschaft noch mehr zu gefährden.Also machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Als ich die Wohnung betrat, hatte ich keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte. Wie ich mir die Langeweile vertreiben sollte und...„Lana...! Es ist Zeit, dass du wiederkommst! Scher’ dich zu mir!", mein Vater, ganzklar. Und auch völlig klar, was er wollte. Ich hatte keine Kraft und auch keinen Willen, mich gegen ihn und sein Vorhaben zu wehren. Mir fehlte einfach der Halt, die stützende Hand.Er tat es mir wieder einmal an. Und es tat mir dabei alles weh. Nicht nur jeden Mal, wenn er in mich eindrang. Auch meine blauen Flecken und die Prellungen, die ich durch seine Prügel am vorigen Tag bekommen hatte, taten die ganze Zeit über weh.Mein Vater schien auch keine Pause zu wollen. Nichts. Es scherte ihn nicht, wie ausgepowert ich war. Er tat es weiter und bereitete mir so Schmerzen und Qual. Ekel.Und irgendwann, am Nachmittag ließ er endlich von mir ab und ging sich duschen. Ich war down und völlig durch. Obwohl ich mich gerade total dreckig fühlte, ging nichts Anderes als schlafen. Auch wenn ich mich jetzt fast vor mir selbst ekelte. Davor, mich das nächste Mal im Spiegel anzusehen.Am nächsten Morgen wachte ich schon um sechs Uhr auf. Mit mieser Laune und einer Menge Schmerzen.Tagebucheintrag:
Teil 13
Liebes Tagebuch,Gestern den Tag kann man echt völlig in die Tonne kloppen. Alles scheiße. Im Ernst.Ich bin dann tatsächlich zu Leila hin. Aber was ist?! Die ist nicht da! Bei dieser Alexa. Langsam hab’ ich echt den begründeten Verdacht, dass die echt unsere Freundschaft kaputtmachen will.Na ja, das Dumme war nur, dass ich gestern ´n T-Shirt anhatte, und dann hat Leilas Mutter einen von den blauen Flecken von Papas Prügelattacke gesehen...! Ich hab’ ihn versteckt und gesagt, ich hätte mich gestoßen. Aber ich wette drauf, dass sie mir das nie und nimmer abgenommen hat.Na, und ich hab’ dann überlegt, zu Alexa zu gehen und Leila da mal die Leviten zu lesen. Aber hab’s dann doch nicht getan. Ich wollte nicht noch mehr Streit! Ich will Leila doch nicht verlieren! Sie ist mir doch wichtig!Aber der Tag ging ja noch weiter. Noch viel schlimmer!Ich kam dann nach Hause und wollte erst mal ein bisschen meine Ruhe haben. Aber dann kommt Papa und will es wieder mit mir machen! Total lange. Es kam mir fast endlos vor. Grauenvoll! Einfach nur grauenvoll. Und ekelig. Mann, wie lange will er das denn noch mit mir machen?! Ich halt’ das langsam echt nicht mehr aus! Warum tut er das bloß?! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das einfach nur sein Trieb sein soll! Das kann doch nicht sein! Bei Mama war er doch auch nie so. Außerdem tut er es diese Woche schon fast jeden Tag.Mir tut alles weh. Meine blauen Flecken, meine Prellungen...! Am schlimmsten ist es, wenn er so völlig skrupellos und gewaltsam in mich eindringt. Ich kann bald nicht mehr. Ich muss es doch irgendwem erzählen. Ich weiß sonst bald echt nicht mehr weiter. Ich brauche Leila zum Reden. Und wenn nicht sie, dann diesen Bill. Aber der ist ja nicht da! Und Leila. Vielleicht trifft die sich ja wieder mit ihrer ach-so tollen Alexa. Bah! Warum ist es bloß so weit gekommen?! Warum? Warum sind wir nicht mehr die beiden unzertrennlichen Freundinnen? Warum hat Leila sich an Alexa gewandt? Bin ich ihr nicht genug? Oder will sie sich einfach nicht mit meinen Problemen befassen müssen?! Ich verstehe das alles nicht! Und dabei brauche ich doch irgendwen zum Reden! Ich weiß langsam echt nicht mehr, was ich noch tun soll. Und ich wette, gleich kommt Papa wieder an, weil er ja heute nicht zur Arbeit gehen kann.Ach, mann, Mama! Warum ist es bloß so weit gekommen? Wenn du noch da wärst, wär’ das alles nicht geschehen und mir ging’s super! Aber du bist gegangen! Und Papa hat sich völlig verändert! WARUM?!Ich kann nicht mehr! Ich muss mal an die frische Luft. Bis gleich,Deine LanaEs war bereits halb neun. Ich zog mir noch schnell eine dünne Jacke drüber und verließ dann unbemerkt die Wohnung. Mein Vater schlief zum Glück noch.Und ich war gerade ein paar vom Haus entfernt, als mein Handy klingelte. Und diese Szenerie kannte ich noch von früher: Mein Vater hatte mich immer auf mein Handy angerufen, wenn ich was vergessen hatte. Vielleicht war er es auch diesmal wieder, denn ich hatte ihn ja möglicherweise aufwecken können.Das Außendisplay zeigte an, dass die Nummer unterdrückt war. Ich war irritiert. Aber vielleicht hatte Papa das aus Versehen einfach so eingestellt, das war mein erster Gedanke.Ich ging mit zitternden Händen dran. „Ja?!"„Hey, hier ist Bill!", mir fiel ein großer Stein vom Herzen und ich wusste erst gar nicht, was ich sagen sollte. „Oh, sorry! Ich tipp’ mal, ich hab’ dich geweckt, he?!"„Nei-nei-nein..."„Nicht...?! Na, schön...! Alles okay bei dir?"„Danke, dass du anrufst!", musste ich erst mal sagen. Es erleichterte mich in irgendeiner Weise, seine Stimme zu hören. Da war diese Hoffnung, jetzt all die ganze Last, die sich seit dem vorigen Tag angesammelt hatte, von meinen Schultern zu verlieren.„Ist irgendwas passiert?", fragte er, fast in misstrauischem Ton. Ich fing an zu erzählen. Erst von dem ganzen Fiasko mit Leila und dieser Alexa. Und dann noch die Sache mit meinem Vater. Bill war stets aufmerksam und still. Im Hintergrund waren jedoch Stimmen zu hören. Als ich ihm davon berichtete, wie lange mein Vater es diesmal getan hatte, flüsterte er leise: „Oh, mein Gott...!", dann war ich auch schon fertig mit Erzählen und er fragte gleich: „Alles okay ansonsten?"„Na ja, er hat mich zusammengeschlagen und..."„WAS?", es schien mir durchs Handy, als hätte er wirklich total laut aufgeschrieen. Und er schien ziemlich schockiert. „Hast du Schmerzen?", das fragte er fast hitzig und mit einem leicht wütenden Unterton, den ich mal gar nicht verstand. Wie konnte er denn jetzt auf mich sauer sein? Ich hatte doch nichts falsch gemacht!„Es geht schon wieder", verharmloste ich es ein bisschen und rieb nur gleichzeitig einen meiner blauen Flecken.
Teil 14
„Ist sonst noch was passiert?!", ich hatte irgendwie das Gefühl, dass er mir nicht so richtig vertraute. In der einen Sache auch zu recht, aber ansonsten eben gar nicht.„Ich hab’ Angst, Leila als Freundin zu verlieren, weißt du...?!"„Warum?"„Na ja, sie hängt jetzt nur noch mit dieser Alexa rum. Und sie macht mit ihr genau das, was sie auch am Anfang mit mir gemacht hat...!"„Hast du ´ne Ahnung oder ein Gefühl, warum sie sich eine neue Freundin, in dem Falle, jetzt Alexa suchen sollte...?!"„Nee, was weiß denn ich...?! Vielleicht will sie mich eifersüchtig machen, also, so testen oder so was", stellte ich hanebüchene Vermutungen auf. „Oder sie hat einfach keinen Bock, mir bei meinen Problemen zu helfen...! Und außerdem kann sie ja wegen meinem Vater nie zu mir kommen...! Vielleicht will sie deswegen eine andere Freundin oder so...!"„Wenn sie eine richtige Freundin ist, will sie dir bei deinen Problemen helfen und dann macht es ihr auch null aus, dass sie nicht so oft zu dir kann", versuchte Bill meine Argumente zu widerlegen. „Das stört sie aber trotzdem!"„Dann ist sie keine richtige Freundin...!"„Na, tolle Feststellung!", ich hatte schon leichte Tränen in den Augen. „Ich hab’ aber niemand Anderen...!"„Und was ist mit mir?", das klang ein bisschen komisch. So empfand ich zumindest. „Aber das ist nicht das Gleiche...! Du bist...du bist so was wie jemand, mit dem man über alles reden kann..., so ´n Vertrauensmensch...!"„Ja, und?!"„Leila ist eine Freundin...! Mit der verbringe ich meine Freizeit und so weiter...!"„Also, ich versteh’ zwar nicht, warum du das mit mir nicht auch kannst, aber okay...!"„Mann, sorry, Bill! Aber du kannst echt nich der Ersatz für meine beste Freundin sein! Das geht einfach nicht...!"„Na, wenn du meinst", das klang aber wiederum leicht beleidigt, aber ich wusste auch nicht, was ich sonst dazu sagen sollte. „Ich meld’ mich wieder! Tschüss...", und schon hatte er aufgelegt. So ganz plötzlich. Na, nettes Telefonat. Jetzt war ich noch mieser drauf.Ich lief eine ganze Weile, bis ich am Park angelangt war. Die ganze Zeit in Gedanken. Was ich tun konnte. Ich wollte nicht, dass ich jetzt noch Leila als beste Freundin verlor. Und Bill, den ich gerade so als neue Vertrauensperson angenommen hatte, war mir auch wichtig. Ich wollte sie alle nicht verlieren. Sie waren mir wichtig geworden. Und nicht nur als Unterstützung in dieser schlimmsten Zeit mit meinem Vater.Aber ich hatte keine Idee, was ich jetzt tun sollte. Es kam mir dumm vor, jetzt gleich noch mal zu Leila zu gehen und mit ihr zu reden. Das wollte ich auf gar keinen Fall, das stand fest. Doch von meiner momentanen Stellung aus konnte ich gar nichts tun. Leila würde ich nur weiter nerven und so unsere Freundschaft nur weiter aufs Spiel setzen. Sie musste schon selbst kommen. Genau das Gleiche galt bei Bill. Ich konnte keinen Kontakt zu ihm aufnehmen. Ich hatte seine Handynummer ja nicht. Also hieß es jetzt wohl abwarten. Wohl oder übel in den sauren Apfel beißen...!Ich schreckte hoch. Mein Handy klingelte wieder. Wer denn diesmal?!Papa. Und das kündigte auch schon mein Außendisplay. „Ja?", ging ich ängstlich ran. „Du kommst sofort nach Hause! Hast du verstanden?", kam es mir entgegen. „Ja...", doch ich drehte ich mich nur um und schlich langsam wieder entgegengesetzt.Ich hatte gerade ein paar Schritte getan, als mein Handy schon wieder klingelte. Irritiert ging ich ran. „Ja?!"„Lana bist du dran?", ich erkannte Bills Stimme. „Ja, bin dran...!"„Gut", er klang ziemlich erleichtert. „Ich dachte, es wär’ was, weil gerade besetzt war...!"„Das war mein Vater...!"„Was wollte er?"„Dass ich sofort nach Hause kommen soll...!"„Ähm...! Also, sorry...! Ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich hätte das vorhin nicht sagen dürfen...!"„Schon okay...!", hielt ich es recht locker. „David hat nur Stress gemacht!"„Wer ist David?", wollte ich irritiert wissen. „Ach, das ist so zu sagen unser Chef...!"„Aha", doch dieses „so zu sagen" verwirrte mich ein bisschen.„Echt sorry...! Ich weiß auch nicht, was da gerade in mich gefahren ist...!"„Ist echt okay...! Ich fand’s halt nur ein bisschen seltsam...!", sagte ich wahrheitsgemäß. „Dann ist gut...! Ich wollte noch mal wegen Kontakt was besprechen...!"„Hab’ ich ´ne reelle Chance, deine Handynummer zu bekommen?", meinte ich gespielt, hatte aber den hoffnungslosen Unterton behalten. „Vielleicht demnächst...!", sagte er. „Aber erst mal hab’ ich’s mir so überlegt, dass wir jeden Tag telefonieren...!"„Ja..."„Wann hast du denn immer so Zeit?"„Nachmittags..."„Ein bisschen genauer vielleicht?"„Ähm..., so von zwei bis sechs..., geht aber auch später...!"„Okay, dann ruf’ ich immer so in dem Zeitraum an, wenn ich kann! Und dann sagst du mir immer, was so bei dir los ist, okay?!"„Okay..."„Gut, ich muss dann jetzt aber wieder Schluss machen, sonst gibt’s Theater. Bis dann...!"„Ja, tschüss...!", und wieder war es still. Ich hatte Bill nicht gesagt, was mich bedrückte. Und jetzt bedauerte ich es schon wirklich, dass ich es nicht getan hatte. Es hätte mich lockerer gemacht. Besonders auf meinem Weg nach Hause. Denn ich hatte wiederum die Befürchtung, dass mein Vater sich wiederum an mir vergehen würde. Wie jedes Mal. Und ich fing schon wieder an mich ekeln, wie er wie immer gewaltsam in mich eindrang. Ich wollte das nicht mehr! Ich hasste ihn! Ich wollte das nicht mehr ertragen müssen. Und ohne Bill ging auch gar nichts mehr. Mit dem Streit mit Leila kam ich auch nicht klar.Eine knappe Viertelstunde später stand ich vor der Wohnungstür. Ängstlich war mal wieder da, genau wissend, was jetzt kommen würde. Das Türschloss klickte und ich trat ein. Mein Vater stand vor mir. Diesmal wieder betrunken.„Hallo, Papa...!", ich blickte ihn ängstlich an. „Heute ist...ist Mama-ah neun Monate nicht mehr da", lallte er. „Papa...", sagte ich noch mal. „Genau heute vor neun Monaten ist es passiert!", er sprach nun etwas deutlicher.Und so trauerten wir den ganzen Vormittag vor einem Foto meiner Mutter. Ich wollte es nicht, aber ich tat es. Mein Vater zwang mich dazu und drohte mir ansonsten Schläge an. Also machte ich es einfach. Immer noch viel besser, als wenn er mich wieder vergewaltigte. Ich ekelte mich wieder furchtbar davor, wenn ich nur daran dachte. Ich wusste auch nicht so recht, warum mein Vater jetzt plötzlich wieder auf so was wie einem Trauertick war. Aber er hatte auch Recht damit, dass der Tod meiner Mutter um exakt neun Monate zurücklag. Und eigentlich gefiel es mir gar nicht, dass er jetzt plötzlich wieder damit kam und meine Gefühle so wieder aufriss. Aber ich machte es. Am Nachmittag ließ er mich dann in Ruhe. Ich schrieb erst Tagebuch und schaute dann fern. Am Abend ging ich früh schlafen, denn ich erhoffte nur aus dem nächsten Tag Besseres
Teil 15
Aber der Tag wurde nicht besser. Zumindest nicht wirklich. Leila hing wieder die ganze Zeit in der Schule mit Alexa rum. Sie hatten Poster zum Angucken dabei. Von irgendwelchen Bands. Uns für irgendwelche neuen Bands, die gerade in waren, hatte ich momentan nun mal gar keinen Kopf.Weil ich in der ersten Pause mal wieder vergeblich die ganze Schule nach den Beiden abgesucht hatte, beschloss ich, mich in der zweiten Pause zu den Anderen zu stellen. Aber die nahmen mich so auch gar nicht an. Erst beachteten sie mich gar nicht, dann schlossen sie mich bewusst aus und dann ließen sie doch im Ernst nebenbei noch ziemlich fiese Kommentare über mich einfließen. Das fand ich richtig fies und ich fühlte mich dann auch dementsprechend ziemlich mies.Klar, ich hatte mich von Anfang an immer sehr an Leila gehalten und das wurde mir jetzt zum Verhängnis. Sie wollten mich nicht haben. Eben weil ich nie groß mit ihnen zu tun gehabt hatte. Nach der Schule ging ich mit total schlechter Laune und einer Menge Hausaufgaben nach Hause.Der Rest der Schulwoche verging nicht viel anders. Und mit den Leuten, zu denen ich mich jetzt immer in den Pausen gesellte, wurde es auch nicht viel besser. Sie wollten mich einfach nicht an ihren Gesprächen teilhaben lassen. Und Bill riet mir dazu, mich einfach ins Gespräch mit einzubringen, aber sie ignorierten mich völlig. Einfach so. Es tat weh, das so zu sehen. Dass sie mich nicht wollten. Es war fast wie Diskriminierung. Und zum ersten Mal verstand ich auch, was es bedeutete, so richtig ausgeschlossen zu werden. Klar, früher in Köln in der Schule hatte ich auch nie so wirkliche Freunde gehabt. Aber eben auch keine Feinde. Wir hatten uns einfach alle untereinander verstanden. Niemand war ausgeschlossen worden. Das kannte ich einfach so nicht. Und hier arrangierte man sich nicht einmal. Und es schien mir, als steckte nicht nur diese Dana als Oberzicke der Klasse dahinter, sondern hatte ich auch das Gefühl, als täten sie es zum Teil aus Spaß. Einfach aus Spaß, mir wehzutun. So erschien es mir wirklich. Ich war ziemlich deprimiert, dass ich jetzt neben den Sachen zu Hause auch noch so was in der Schule durchmachen musste. Das nahm mir jegliche Kraft. Nur die Gespräche mit Bill, währenderen ich immer total fröhlich und gut drauf war, füllten meine Kraftreserven wieder auf. Ich freute mich schon total, wenn wir uns am Montag nach der Schule endlich wiedersehen würden. Denn es war ja immer noch tausendmal besser, mit jemandem von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Aber diese täglichen Telefonate waren immer noch besser als gar nichts, fand ich.Nun war Samstag und ich wartete abends ungeduldig auf Bills Anruf. Auch wenn es diesmal nichts Neues von Leila oder den anderen Leuten in der Schule zu berichten gab. Und endlich klingelte mein Handy. „Ja?!", fragte ich erwartungsvoll. „Hey, Lana!"„Hi!"„Ich hab’ mir was überlegt!"„Was denn?", fragte ich fröhlich. „Ach, Lana, nein. Ich meine, wegen Leila...!"„Warum...?! Was denn?"„Wie wär’s, wenn du dich einfach mal an ihre Versen heftest...?!"„Ich weiß nicht!", zweifelte ich. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich als gute Freundin so schnell vergessen kann...!"„Soll ich irgendwas sagen oder so was?!"„Nee, geh’ ihr einfach hinterher!"„Ja, und dieser Alexa!", warf ich leicht wütend ein. „Hey, hey...! Das wird schon wieder, glaub’ mir...!"„Hauptsache, sie fragt nicht, warum du ihr hinterherläufst...!"„Okay...", meinte ich leicht unsicher. Es war kurz still. Dann erhob Bill wieder schwerfällig seine Stimme: „Du, Lana...! Ich muss dir noch was beichten...!"„Ja?!", ich war etwas durcheinander wegen der komischen Unterhaltung, aber neugierig. „Ich kann Montag nicht in Hamburg sein...! Wir kommen erst nächste Woche, also, genau eine Woche später wieder nach Hamburg...!", mein Gehirn arbeitete fieberhaft. „Wie?!", fragte ich, um meinen Mund zu beschäftigen. „Mein Bruder und ich...!", das hörte ich nur im Unterbewusstsein. Ich verstand den Schock kaum. Ich war völlig durcheinander. Im meinem Kopf herrschte regelrechtes Chaos.„Du kommst erst übernächste Woche Montag wieder?", fragte ich nach ein paar Sekunden Stille zur Sicherheit noch mal. „Ja..., äh..., Lana...!? Alles okay...?!", er sprach besorgt. „Was ist los? Warum bist du so still, plötzlich...?! Hab’ ich was Falsches gesagt...? Es tut mir Leid, aber es ging echt nicht anders und ich...", ich klappte das Handy zu. Ich wollte seine Entschuldigungen nicht mehr hören.Bill rief danach noch mehrmals an, doch ich drückte ihn weg. In dem Moment hasste ich ihn einfach dafür, dass er jetzt nicht für mich da war. Ich musste erst mal Tagebuch schreiben:Hallo, liebes Tagebuch!Heute ist nichts Besonderes passiert. Also, zumindest bis vor ein paar Minuten. Ich hab’ den ganzen Tag auf den Anruf von Bill gewartet. Einfach auf das Gespräch.Und dann hat er gerade eben tatsächlich angerufen. Endlich, dachte ich. Aber nichts ist. Das Endlich können wir getrost vergessen, aber ich erzähl’ mal ganz von vorne.Er meinte, er hätte sich was ausgedacht, also, wegen Leila. Ich natürlich voll interessiert. Und dann rät er mir doch, mich einfach mal an ihre Versen zu heften und ihr nachzulaufen. Also, ich mein’, ´n Versuch ist’s wert...!Aber dann denk’ ich, es ist alles ganz gut so und wir können jetzt einfach noch ein bisschen nur reden. Aber nee. Dann kommt er doch tatsächlich damit, dass er Montag nicht in Hamburg sein kann. Im Ernst. Erst eine Woche später. Da hab’ ich erst mal keinen Ton rausgekriegt. Na, was erwartet man von mir?! Ich warte schon seit ´ner halben Ewigkeit auf diesen Tag. Ansonsten hab’ ich ja nichts, auf das ich mich freuen kann. Es ist einfach total befreiend, mit Bill zu reden.Aber ich bin jetzt auf jeden Fall erst mal hin. Jetzt kommt der mit so was! Ich mein’, das kann der doch wohl nicht echt ernst meinen! Ich bin ja auch nur ein Mensch. Und dann bringt der so was! Ich hab’ dann aufgelegt. Ende. Gerade hat er noch mal ein paar Mal versucht, mich zu erreichen, aber ich hab’ ihn weggedrückt.Na, und jetzt bin ich sauer. Mann, ich weiß nicht, wie das schaffen soll. Ohne Leila. Ohne Bill. Und jetzt bin ich ja praktisch mit Bill auch noch im Streit! Das ist echt ein tolles Leben momentan hier. Alles scheiße!Ich hab’ jetzt keine Ahnung mehr, was ich noch sagen soll. Ich glaub’, ich geh’ gleich duschen und dann schlafen.Byebye,LanaAn diesem Abend ging früh schlafen. Keine Lust auf nichts.Montag. Feiertag. Keine Schule. Und er verlief nichts anders als der Sonntag. Und aus irgendeinem Grund hatte ich auch keine Lust, mit Bill zu sprechen, und drückte deshalb seinen abendlichen Anruf und weitere Versuche weg.Und die neue Schulwoche brach auch nicht besser an als die letzte, mal abgesehen davon, dass mein Vater sich wohl wieder beruhigt zu haben schien. Zum Glück.Und in der Schule beschloss ich dann, doch Bills Strategie anzuwenden. Nach dem es zur ersten Pause geklingelt hatte, folgte ich Leila und Alexa erst malunbemerkt. Es ging erst mal in die Caféteria. Die Beiden schienen tief ins Gespräch vertieft, holten sich Beide ein Brötchen und dann zur Toilette. Da wurde es schon etwas schwieriger, sich zu verstecken. Und eigentlich wollte ich mich ja gar nicht verstecken. Ich wollte gesehen werden. Zumindest wollte ich, dass Leila mich ansprach. Vielleicht würde Bill, auch wenn ich mich momentan nicht so gut mit ihm verstand, ja doch Recht mit seiner Theorie behalten, dass sich so dann doch eine Lösung finden würde.Aber ich wartete dann trotzdem noch vor der Tür der Toiletten. Als die Beiden wieder rauskamen, bemerkten sie mich und würdigten mich sogar überraschenderweise eines Blickes. Unerwarten eben. Doch dann gingen sie einfach an mir vorbei Richtung Pausenhalle. Ich folgte ihnen wiederum, diesmal auffälliger. Immer knapp neben oder hinten ihnen.Das bemerkte Alexa dann nach ein paar Minuten und machte Leila darauf aufmerksam. Es deprimierte mich leicht, dass es ihr nicht von selbst aufgefallen war. Aber besser ihnen viel es endlich überhaupt auf als gar nicht.Sie flüsterte kurz und ging dann einfach weiter, als wäre nichts weiter geschehen. Das verstand ich dann mal gar nicht. Aber ich machte einfach weiter mit. Ich lief neben ihnen, immer auffällig laut, ließ mich von entgegenkommenden Leuten nicht aufhalten und drängte sie einfach zur Seite, worauf sich einige Oberstufenschüler lauthals beschwerten. Doch ich ignorierte es einfach...!Mit Leila und Alexa ging’s dann auf den Schulhof. Von weitem sahen wir vielleicht so aus, als wären wir die drei besten Freundinnen. Aber so war es ganz sicher nicht.Und schließlich schien ich endlich das erreicht zu haben, was ich wollte. Denn im Schatten der Fichte auf der Mitte des Schulhofes waren die Beiden stehen geblieben. Ich natürlich auch.„Willst du uns nerven?", fragte Alexa mich ziemlich zickig. Dass sie mich so anfuhr, überraschte mich ziemlich. Und genau deswegen verletzte es mich auch irgendwie. Es tat weh, dass sie mich grundlos so anfauchte. „Nee..."
Teil 16
„Lana, warum läufst du uns hinterher?", das sagte Leila. Überraschend sehr freundlich. „Auf den Rat von jemandem...!"„Ah ja...! Und was erwartest du?", das klang auch leicht zickig, aber irgendwie auch interessiert. „Ich weiß es selbst nicht...!", sagte ich und blieb damit weiterhin bei der Wahrheit. „Weißt du, ich will dich echt nicht verletzen, aber ich wollte eigentlich mit Alexa alleine rumlaufen...!"„Das hast du schon über fast zwei Wochen...!", wurde ich ungewohnt mutig. „Weißt du, es gibt mich auch noch auf der Welt...!"„Ja, schon wahr! Aber verbietet mir das, mir andere Freunde zu suchen...?!"„Nein...!", antwortete ich in herablassendem Ton, weil wir eben diese Sache ziemlich an die Nerven ging.„Na, dann...", ich sah sie ungläubig an. Leila schien gar keine Lösung finden zu wollen. Fast so verhielt sie sich, als wollte sie mir absichtlich wehtun. Und das fand ich weiß-Gott nicht schön. Bei niemandem. Aber besonders nicht bei mir. Und dass die Anderen aus der Klasse mich schon wieder wie den letzten Rest behandelt hatten, hatte mir schon echt gereicht.„Leila...!", sie drehte mich wieder zu mir um. „Bitte, ich brauche dich als Freundin...!"„Was erwartest du denn von mir?"„Nichts weiter, als dass du mich wieder mehr beachtest...!"„Tue ich das nicht?!"„Nein, du verletzt mich...!", versuchte ich verzweifelt, meine Gefühle zu erklären. „Womit...?! Damit, dass ich mir andere Freunde suche...?! Du spinnst ja wohl...! Willst du mir das etwa verbieten oder was...?!"„Nein, nein", ich war nervlich echt geschafft von dem Verlauf dieses Gesprächs. Warum unterstellte sie mir diesen ganzen Mist?! Ich verstand das nicht. Und erklärte weiter: „Ich meinte, dass du...dass du, seit Alexa da ist, einfach nur noch mit ihr rumhängst...! Mich lässt du völlig links liegen!"„Mein Gott...! Ich beschäftige mich halt intensiv mit meinen neuen Freunden!"„Ja..."„Hab’ ich ja bei dir auch getan. Also, beschwer’ dich nicht...!"„Du bist meine beste Freundin, Leila! Bitte...!"„Du bist auch ´ne Freundin von mir...!"„Und warum kümmerst du dich dann gar nicht um mich?!", ich war völlig verzweifelt. Den Tränen nahe. Aus Verzweiflung. Wut. Angst. Leila schien einfach nicht zu verstehen, was ich wollte, oder sie wollte es einfach nicht. Es tat mir weh, das so zu sehen. Ich verstand nicht, warum es bloß dazu gekommen war.„Hab’ ich doch gerade eben gesagt...! Weil ich mich intensiv mit Alexa beschäftige!", wiederholte sich Leila. „Aber du kannst mich doch auch nicht so einfach so ganz links liegen lassen!"„Okay, okay...! Ich hab’ keinen Bock mehr auf das ewige Diskutieren hier...! Du kannst ja, wenn du willst, immer mit uns mitkommen!"„Wie?!", fragte ich irritiert von Leilas plötzlicher Freigiebigkeit. „Na, in den Pausen und bei unseren Treffen nachmittags...! Da muss ich aber mit Alexa drüber sprechen, okay?!"„Okay...", ich war etwas erleichtert. „Ich sag’s dir dann in der nächsten Pause!", und nun war ich von der wiederum plötzlichen Distanz seitens Leilas wieder verwirrt, sah sie noch einmal an und ging dann.Die folgenden beiden Schulstunden konnte ich mich so gut wie gar nicht konzentrieren. Und dann war ich auch froh, als es dann endlich wieder Pause war.Vor dem Klassenraum wartete ich auf die beiden Mädchen. Sie gaben sich noch kurz ein Zeichen, bevor sie zu mir kamen. Aber Alexa kam gar nicht zu mir. Sie ging einfach wortlos und mit ziemlich schadenfrohem Gesichtsausdruck an mir vorbei. Leila kam auf mich zu und schob mich an der Schulter zur Seite.„Also, in den Pausen ist’s okay, außer der vor der Doppelstunde Sport, die wollen wir für uns...!", ich sah sie auffordernd a, dass sie weitersprechen sollte. „Na, und nachmittags geht’s nur dann, wenn wir bei mir oder draußen sind...!"„Okay..."„Also, sei froh...!"„Ja, ja...! Und was ist...?!", wollte ich gerade noch was fragen, aber sie war schon weg. Mit Alexa. Und wir hatten jetzt gleich nicht die Doppelstunde Sport. Na, toll! Die war mir ja eine Lustige...! Jetzt stand ich da wie bestellt und nicht abgeholt und mit äußerst mieser Laune.Bis zum Schulende würdigte ich die Beiden erst mal keines Blickes. Und irgendwie schien Alexa das in die Karten zu spielen, denn sie hatte ein nie endendes Lächeln auf dem Gesicht. Diese Hexe!Wenn mein Vater am Nachmittag wieder kommen würde und mir wehtun wollte, dann war der Tag verloren. Und auch die Welt von diesem Tag.Nach langem Nachdenken und dem Erledigen der Hausaufgaben schrieb ich Tagebuch:
Teil 17
Liebes Tagebuch,Ist ja heute echt wieder ein Mist-Tag! Na, Standard. Es ist Dienstag, aber praktisch gesehen doch ein typischer Montag. Der erste Tag nach dem Wochenende. Und der Tag ist eh nie gut, außer wenn er der erste Ferientag ist.Aber es sind keine Ferien und deswegen war ich heute brav in der Schule. Ja, und da hab’ ich dann auch gleich mal Bills Theorie ausprobiert. Na, das soll jetzt aber nicht heißen, dass jetzt wieder alles im Lot ist. Ich werde ihn wieder wegdrücken, sollte er heute Abend noch mal versuchen anzurufen. Ich bin immer noch sauer auf ihn, auch wenn mich gerade ziemlich viele andere Dinge beschäftigen.Na, also, dann fang’ ich jetzt mal an zu erzählen: In der ersten Pause bin ich den beiden Mädels dann tatsächlich nachgelaufen. Wir haben die Caféteria und das Klo abgeklappert. Dann hat diese Alexa mich bemerkt. Im Ernst. Und nicht Leila. Das ist doch voll dumm, dass die mich als ihre Freunde noch nicht mal bemerkt. Im Ernst mal. Hätte doch auch sein können, dass einfach nur Hausaufgaben zum Abschreiben haben will und ihr deswegen hinterherlaufe oder so, oder?!Na, jedenfalls hat Alexa Leila das dann zugeflüstert, die dreht sich um...und dann tut sie so, als wär’ nichts gewesen. Ganz im Ernst. Ich mein’, was macht man denn wohl, wenn man eine Freundin sieht?! Sie grüßen oder was weiß ich?! Aber nichts ist. Und es hätte doch außerdem auch sein können, dass ich nur zufällig den gleichen Weg wie die Beiden laufen muss. Obwohl..., okay..., klar, es fällt dann irgendwann schon auf. Ich war ja auch nicht gerade leise bei meinen Verfolgungen. Na, war ja auch eigentlich Absicht. Ich hab’ mit Absicht auf mich aufmerksam gemacht, bin neben ihnen hergegangen und hab’ Abiturienten zur Seite geschubst. Da haben sich so ´n paar beschwert. Das hat mich da aber gerade gar nicht interessiert. Hauptsache, ich war auffällig.Wir sind dann auf den Schulhof unter „unserer" Eiche, denn da sitzen ja immer voll viele Leute aus unserer Klasse. Hat Alexa mich dann erst mal an mich gewandt und fragt mich doch tatsächlich so richtig zickig, ob ich die Beiden nerven will. Nee, hab’ ich natürlich gesagt. Dann hat Leila mir das Ganze erklärt, dass sie sich einfach intensiver mit ihren neuen Freunden beschäftigen würde. Ja, wer’s glaubt?! Na, und am Anfang war sie ja sogar noch richtig freundlich. Aber um mich will sie sich nicht kümmern. Dann zähl’ ich wohl schon zu ihren „alten" Freunden, um die sie sich nicht mehr zu kümmern braucht. Ja, danke. Da fühlt man sich doch gleich viel besser! Das steigert das Selbstwertgefühl und -Bewusstsein echt enorm. Und ich hab’ ihr dann natürlich auch das gesagt, was ich so denke und fühle, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie das kein Stück interessiert hat. Ich glaub’, sie hat mir noch nicht mal mit halbem Ohr zugehört.Na, dann hat sie am Ende keinen Bock mehr auf Diskutieren gehabt. Typisch, Aber früher, wenn wir über die neusten Trends und so geredet hatten, musste sie immer das letzte Wort haben. Mann, Leila!Na, dann hat sie vorgeschlagen, dass ich nachmittags und in den Pausen mit den Beiden mitkommen kann. Das war natürlich erst mal voll verwirrend für mich. Ich mein’, ich das war ja wohl echt mal wie ein extremer Wetterumschwung. Na ja, sie meinte, sie muss aber erst mal ihre Alexa fragen. Ich dachte, sie geht sofort hin. Na, toll! Nee, erst in der zweiten Pause hat sie mir gesagt, dass es geht. Und dann auch noch unter so ganz tollen Bedingungen!Ich hab’ mittlerweile ´ne echte Abneigung gegen diese „Bedingungen". Bei Bill war’s genau das Gleiche, letztens. Und was ist jetzt so schlimm daran, wenn ich seinen Namen jetzt weiß. An unserem Verhältnis zueinander hat das auch null geändert. Und irgendwie kommt es mir auch so vor, als würden diese dummen „Bedingungen" immer wieder nur existieren, um zu ärgern. Und zwar genau so Leute wie mich.Na, dann leg’ ich mal los mit diesen Bedingungen. Also, wenn die Beiden sich nachmittags treffen, immer draußen oder bei Leila. Bei Alexa wohl auf gar keinen Fall. Und in den Pausen immer, außer der Pausen vor der Doppelstunde Sport. Das ist ja ausgerechnet die extra lange. War klar, dass die die für sich haben wollen! Zumindest dann, wenn sie mich wirklich ärgern wollen...!Das kotzt mich langsam echt an. Und dann hat diese dumme Kuh Alexa mich auch noch voll so schadenfroh angeschaut. So richtig fies. So, als wollte sie meine Freundschaft mit Leila echt zerstören und sie für sich haben. Wie können Menschen bloß sein?! Fast gehässig. Die einem nichts gönnen. Die es lieben, Andere zu ärgern und auch noch Spaß dabei haben. Zicke. Hexe. Ja, das ist sie.Ich hab’ so was noch nie erlebt. Das ist furchtbar. Ich fühlte mich total ungebraucht. Verstoßen. Ausgeschlossen. Warum ist es bloß so weit gekommen?! Warum scheint Leila in Alexa eine bessere Freundin gefunden zu haben? Und warum hatte sie mich die ganze Zeit hängen lassen?! Immer wieder diese Fragen und niemand beantwortet sie. Und diese Sache, von wegen, sie kümmert sich eben intensiv um ihre neuen Freunde. Das nehm’ ich ihr doch nie und nimmer ab!Aber es tut so ungeheuer weh zu sehen, dass da jetzt kein Rückhalt mehr ist. Keine Hand mehr, die einen hält. Keine Leila. Keinen Bill.Ich geh’ jetzt noch mal ein bisschen nachdenken. Es ist so schrecklich, wenn ich Leila und Alexa immer seh’. Ich bin nicht neidisch, aber so was wie eifersüchtig. Einfach, weil es wehtut zu sehen, dass man anscheinend ersetzt worden ist.Hoffentlich kommt Papa heute nicht zu früh nach Hause. Und hoffentlich bleibt er auch bei seiner momentanen Taktik: Schweigen!Bis dann,Deine LanaDanach beschloss ich, Leila anzurufen. Die sagte nur, dass sie heute bei Alexa sein würden. Und ich war also dementsprechend unerwünscht.Am nächsten Tag lief es auch nicht besser. Kurz vor der ersten Pause schmiss Alexa mit einem Klebestift, den ich ihr freundlicherweise geliehen hatte, gegen meine Schulrolle mit den ganzen Stiften, sodass diese hinfiel und alle Sachen herausfielen. Eine Sekunde später klingelte es zur Pause und alle stürmten raus. Ich war natürlich damit beschäftigt, meine Sachen wieder aufzuheben, einzusammeln und wegzupacken, und Alexa und Leila waren dann während der ganzen Pause unauffindbar. Das fand ich natürlich nicht so toll. Um ehrlich zu sein, deprimierte es mich sogar ziemlich. Schon wieder hatte ich eine Pause völlig allein verbracht und das Gefühl, völlig unerwünscht und unbrauchbar zu sein, verstärkte sich.In der zweiten Pause hatte ich dann keine Probleme, den Beiden zu folgen. Aber das brachte mir dann auch nicht wirklich viel, denn die Zwei quatschten die ganze Zeit, ohne mir auch nur irgendwie Beachtung zu schenken und auch nicht zu versuchen, mich wenigstens ein bisschen ins Gespräch mit einzubinden. Ich schien einfach nur wieder das fünfte Rad am Wagen zu sein. Allein der Gedanke daran tat schon wieder weh.Am folgenden Tag lief das Ganze nicht anders. Außerhalb der Schulzeit trafen sich die Beiden irgendwie wohl immer bei Alexa. Fast so, als wollten sie mich ärgern. Und mittlerweile hielt ich es auch ganz klar für pure Absicht von ihr. Und das deprimierte mich wieder ziemlich. Und auch, dass Bill nicht mehr versuchte, mich zu erreichen. Nicht ein einziger Versuch. Und das tat weh. Es schien sich einfach keiner mehr, um mich zu kümmern. Nichts und niemand fragte, wie es mir ging. NIEMAND!Ich fühlte mich total mies. Und ich hatte auch keine Lust auf nichts mehr. Am Donnerstag lief ich den Beiden Mädchen schweigend hinterher. Und am Freitag ging ich nicht mehr mit ihnen, sondern stellte mich wieder zu meinen anderen Klassenkameraden, die mich auch wiederum wie Dreck behandelten. Das tat noch mal mehr weh, aber nicht so, wie den beiden Glücklichen die ganze Zeit lang schweigend nachzulaufen.Und am Schulschluss war ich glücklich, dass endlich Wochenende war. Ich brauchte meine Ruhe. Und ich wollte mich nach dem Klingeln sofort auf den Weg zum Bus machen, aber da hielt mich jemand fest. Ich dachte, es wäre ein Fünftklässler. Aber nein.Es war Alexa. „Hi...", sagte ich überrascht und hielt dabei einen herablassenden Ton ihr gegenüber, damit sie wusste, was ich von ihr hielt. Doch sie überging es: „Hi, Lana!", sie lächelte mich scheinheilig an. Ich erwartete nichts Gutes. Zu recht, wie ich ein paar Sekunden später feststellen musste.
Teil 18
„Wir wollen heute in den Park gehen...! Kommst du mit?", warum nicht? Ich wusste aber doch nicht so recht, ob ich das Ganze ernst nehmen sollte. Das war eigentlich nicht die Art, wie Alexa sonst mit mir umging. Ich war misstrauisch und antwortete nach kurzem Überlegen dann doch: „Ja, wann?"„Drei Uhr, an der Bank am See..."„Okay, ich komme...!", und doch war mir dabei noch ein bisschen mulmig zumute. Ich wusste nicht so recht, ob ich das Richtige getan hatte, indem ich die Verabredung angenommen hatte. Irgendwie spürte ich, dass Alexa mich nicht nur aus Menschenfreundlichkeit gefragt hatte. Das war einfach nicht ihr Stil. Aber wie weiter, war mir ein Rätsel.Ziemlich durcheinander fuhr ich dann nach Hause und machte erst mal Hausaufgaben. Ich war ausgesprochen nervös und hatte deswegen auch gar keinen Hunger. Ich machte mich früh auf den Weg, um pünktlich da zu sein. Leila war auch in meinem Bus. Sie winkte nicht und gab auch sonst kein Zeichen des Wiedererkennens, als sie einstieg. Sie würdigte mich keines Blickes und ich tat es ihr nach. Doch ich war mir da auch nicht so sicher. Vielleicht hatte sie mich ja einfach nicht gesehen, denn so kalt schätzte ich sie noch nicht einmal ein.Am Park stiegen wir Beide aus. Sie vorne, ich hinten. Alexa wartete schon auf uns, Sie nahm Leila freudig in den Arm. Dann sah sie mich, hakte sich bei ihr unter und drehte sich um. Ich war verwirrt. Was sollte das denn jetzt? Ich war mir ganz sicher, dass sie mich gesehen hatte. Und außerdem waren wir ja auch verabredet. Würde sie da nicht warten?! Sie wusste doch auch ganz genau, dass ich mit dem gleichen Bus wie Leila kommen würde.„Hey...!", rief ich ihnen hinterher. Leila drehte sich sofort um und sah mich wütend an. „Was willst du denn hier?!"„Wir wollten uns doch treffen! Alexa hat es mir doch nach der Schule gesagt!"„Was laberst du denn da für’n Mist?!", Alexa hatte sich auch gleich umgewandt. „Du hast es mir doch nach der Schule gesagt...! Dass wir uns heute hier im Park treffen...!", sagte ich ungläubig. Ich war völlig durcheinander und verstand die ganze Szenerie hier nicht.„Nie in Leben...!", sagte Alexa überzeugend gut gespielt. Leider. „Doch, ich hab’ doch keine Halluzinationen!"„Anscheinend doch...!", meinte Leila herablassend und sah mich wütend an. „Was soll das hier? Warum tust du das?!"„Ich mache das nicht mit Absicht. Alexa hat mich doch hierher bestellt!"„Du hast ha wohl voll die Hirngespinste!", zickte Alexa. „Hallo?!", fuhr ich sie an. „Du hast gesagt, ich soll hierhin kommen. Um drei, die Bank am See...!"„...Warum sollte Alexa das machen?", kam’s von Leila. Sie sah mich ebenso ungläubig und irritiert an wie ich sie. „Was weiß ich denn, was die sich dabei denkt...!? Jedenfalls hat sie es getan...!"„Das macht aber gar keinen Sinn...!", ich gab es auf. Leila glaubte mir nicht und diese dumme Alexa beharrte weiter darauf, mir nichts gesagt zu haben. So brachte das einfach nichts. Und alles war nur Lügerei. Alexa musste tatsächlich irgendwas im Schilde führen. Hier ging irgendwas ab, aber ich hatte noch keinen winzigen Schimmer, was.„Mann, was soll das, du, dummes Kind?", fuhr Alexa mich plötzlich überraschend an. „Was soll der Mist hier...?", ich sah sie ungläubig an und begann meine erfolglosen Versuche, mich zur Wehr zu setzen: „Ich versteh’ das nicht! Was willst du von mir, Alexa?! Du hast mir gesagt, ich soll hierher kommen. Und was ist das jetzt hier gerade bitteschön?!"„Du hast echt einen an der Waffel...!", unterstellte mir Alexa. Mir reichte es. All diese Lügerei. Unwahrheiten. Warum nur?! Was hatte ich dieser Alexa bloß getan, dass sie so was brachte?!„Schön, schön, schon...! Meinetwegen...bitte beschuldigt mich, dass ich euch nachspioniere oder so was! Bitte...!"„Siehst du, Leila...?! Jetzt gibt sie’s auch noch zu!", warf Alexa ein. Ich versuchte, das Gesagte zu ignorieren. „Leila, warum soll ich denn angeblich nicht hier sein, wenn ihr es mir doch angeboten habt...?!", Leila schien kurz irritiert und blickte mich dann kurz an. Da merkte ich zum ersten Mal in dieser Woche, dass wir doch noch befreundet waren.„Ach, mann, sorry! Ich weiß nicht...! Ich hab’ da gar nicht mehr dran gedacht...!"„Na, nett...!"„Es tut mir wirklich Leid...!", und das glaubte ich ihr auch. Alexa verfolgte dieses Gespräch mit äußerst misstrauischem Blick, wie mir aus dem Augenwinkel auffiel.„Und was soll das in den Pausen?", fragte ich, jetzt mit weitaus ruhigerer Stimme. „Ach, dann kann man schlecht erklären. Irgendwie kann ich mit Alexa besser reden...!"„Und mit mir nicht?", wollte ich irritiert wissen. „Ach, mann, Lana! Alexa ist einfach meine beste Freundin!"„Ach, und was bin ich?!"„Du bist auch meine Freundin, aber eben nicht meine beste!"„Oh, toll! Jetzt geht das also in so Abstufungen wie beim Militär oder was...?! Beste Freundin, zweibeste Freundin, drittbeste Freundin, nur einfache Freundin...! Mann, soll ich dir was sagen...?! Darauf hab’ ich keinen Bock!"„Nein, so mein’ ich das gar nicht! Alexa ist einfach meine..."„...beste Freundin...!", setzte ich den Satz für sie fort. „Ja, ich weiß...!"„Dann akzeptier’ es bitte einfach!"„Ist ja auch so einfach, wo du meine einzige und beste Freundin bist...!"„Mann, Leila! Es tut mir wirklich Leid, aber ich kann daran doch nichts ändern...!"„Es verletzt mich...", ich musste das sagen, um ihr zu zeigen, dass es nicht einfach nur eine Sache war, die man auf die linke Schulter nehmen konnte.„Leila, wir treffen uns morgen, okay...?! Und dann reden wir...!"„Von mir aus...!", ich sagte das so, als würde es mich gar nicht so wirklich interessieren. Schließlich stand Alexa ja noch daneben und ich wollte in ihrer Gegenwart meinen Gefühlen lieber keinen freien Lauf lassen. Denn eigentlich hätte ich in dem Moment vor Freude aufspringen und -schreien können. Ein ordentliches Gespräch war ja genau das, was ich hatte erreichen wollen. Und das wusste auch Alexa. Sie machte ein dementsprechendes Gesicht – nicht sehr fröhlich.„Okay, wann passt’s dir?", fragte Leila. „Morgen..."„Bei mir, so um elf?"„Okay", meinte ich. „Ich lass’ euch dann noch mal alleine!", ich drehte mich auf dem Absatz um und ging zurück zur Bushaltestelle.Mit gemischten Gefühlen machte ich mich auf den Rückweg nach Hause. Einerseits freute ich mich auf das Gespräch mit Leila am nächsten Tag, aber andererseits echote in meinem Kopf immer noch dieser eine Satz: „Alexa ist meine beste Freundin!", und das tat weh. Verdammt weh. Während ich mich noch halb über Alexas Umgang mit mir aufregte, legte ich mir aber auch schon eine Strategie im Kopf zurecht, wie ich das Gespräch mit Leila am nächsten Tag angehen sollte.Als ich zu Hause angekommen war, war mein Vater zum Glück auch noch nicht wieder da und ich schrieb erst mal wieder Tagebuch:
Teil 19
Hallo, liebes Tagebuch!Turbulenter Tag heute! Und ich weiß auch nicht so recht, ob ich jetzt gut oder schlecht gelaunt sein soll.Also, ich hatte dir ja gesagt, dass ich mich heute eventuell wieder zu den Anderen aus der Klasse stellen will. Hab’ ich dann auch getan. Weil ich einfach keine Lust mehr hatte, bei Leila und Alexa so das fünfte Rad am Wagen zu sein.Na, das lief natürlich wieder völlig mies. War mir ja schön längst klar, dass die mich da nicht dabei haben wollten. Aber so?! Die waren richtig gehässig. Aber sie haben es nicht geschafft, mich zu verscheuchen! Doch es war trotzdem total fies. Es war furchtbar. Das schwarze Schaf zu sein. Ausgeschlossen, fast gemobbt zu werden. Aber ich hab’ mich ganz gut geschlagen, denk’ ich mal. Es tut zwar ziemlich weh, was die da so sagen, aber ich hab’ das irgendwie nicht so richtig an mich ran gelassen. Ist auch richtig so, find’ ich. Was interessiert mich schließlich, was die Anderen über mich denken? Wichtig ist, dass ich weiß, was davon stimmt und was nicht. Und sonst können sie mir doch gar nichts anhaben. Fast nichts...Nach dem Klingeln fing der erste Teil des heutigen Fiaskos eigentlich auch schon an. Also, ich fang’ mal an zu erzählen: Ich wollt’ nach Schulschluss so schnell wie möglich nach Hause, weil das heute eben so ´n dummer Tag war. Aber da kam Alexa, hält mich fest und fragt, ob ich mich heute mit Leila und ihr im Park treffen will. Ich dachte erst mal, mich frisst ´n Nilpferd. Aber nee. Ich hatte aber irgendwie von Anfang an das Gefühl, dass da irgendwas faul war. Alexa und sich mit mir verabreden – Bah! Nie mehr mach’ ich das.Na, wir haben dann ´nen Zeit- und ´nen Treffpunkt ausgemacht. Drei Uhr an der Bank am See. Na, toll!Ich war dann natürlich erst mal die ganze Zeit total nervös und bin dann ganz früh los, damit ich bloß pünktlich da bin.Na, und wen seh’ ich im Bus?! Leila. Also, ich hab’ ja erst mal gedacht, sie würde mich einfach keines Blickes würdigen, aber jetzt weiß ich, dass sie mich nun mal einfach wirklich nicht gesehen hat. Im Ernst. Ich mein’, wie geht denn so was?! Und so was nennt sich dann auch noch beste Freundin.Mann, jetzt hab’ ich aber ´ne Wut im Bauch...! Aber das war ja noch lang nicht alles. Wir sind dann Beide am Park ausgestiegen. Alexa hat Leila erst mal direkt in den Arm genommen. Alles schön und gut! Aber dann sieht sie mich und dann dreht sie sich einfach um!Ich war natürlich erst mal völlig verwirrt und verstand gar nicht, was das sollte. Und ich wusste auch nicht anders zu reagieren, als ihnen einfach nachzurufen. Und da drehte sich Leila natürlich erst mal um und schaut mich an wie so ein schnaubender Hornochse. Ich wusste gar nicht, was ad los war. Aber da lief auf jeden Fall mal irgendwas gewaltig schief.Sie fragte, was ich denn im Park will. Ich sagte das von der Verabredung und mit Alexa. Und die bestreitet das. Im Ernst. Meinte, was ich denn da labern würde. Ich hab’ versucht, ihr das Ganze ausführlich zu erklären, aber sie hat mir kein Wort geglaubt. Nur dieser dummen Alexa. Mann, was hab’ ich für ´nen Hass aus die!?Am Ende hab’ ich’s dann aufgegeben und einen Satz im Sinne von, wenn es wirklich so gewesen wäre, formuliert. Daraus hat diese Scheiß-Alexa dann gleich mal ´n Geständnis gemacht. Nett, oder?!Ich hab’ dann gesagt, dass ich’s ziemlich doof von ihr, Leila, finde, dass sie nur noch mit Alexa rumhängt und mich dabei so zu sagen links liegen lässt. Und dass sie mich damit verletzt. Und dann kommt die doch tatsächlich damit ohne Rücksicht auf Verluste, dass Alexa jetzt ihre beste Freundin wär’ und sie sich mit ihr einfach besser verstehen würde. Na, danke!Und ich bin dann nur noch ihre zweitbeste Freundin oder so was! Was soll diese Scheiße mit den Rangfolgen?! Wir sind wir hier beim Militär oder so was?!Diese Alexa hat die ganze Zeit über aus dem Hintergrund gegrinst wie ein Honigkuchenpferd. Tja, und dann hat Leila mich doch freundlicherweise um ein Treffen mit mir gebeten. Da hatte ihr Gesicht dann so ´ne Farbe hinter weinrot. Na, das Glück war bei ihr und nach ihrer Meinung wohl nur von kurzer Dauer...!Wir treffen uns dann um elf morgen bei ihr. Ohne Alexa. Will ich zumindest mal hoffen. Sonst macht das Ganze mit dem Gespräch überhaupt gar keinen Sinn und...Ich musste stoppen. Mein Handy bimbelte. „Ja?"„Hey, hier ist Bill...! Super, dass ich dich endlich mal erreiche!"„Hallo", sagte ich etwas barsch, weil ich immer noch leicht sauer auf ihn war. „Hey, Lana, mann...! Ich hab’ mich doch entschuldigt...! Reicht das nicht? Bist du mir immer noch böse?"„...Nicht wirklich!"„Na, dann ist ja gut...! Stör’ ich?! Was machst du gerade?!"„Tagebuchschreiben..."„Cool...! Ist praktisch was?! Aber mir wär’ das echt zu viel Arbeit!"„Na ja, wer hat auch so ´nen stressigen Job wie du!?"„Viele, aber erzähl’ mal, was bei dir so los ist! Hast meinen Rat mal befolgt?"„Ja, hab’ ich...! Hat aber nicht allzu viel gebracht! Ich bin den Beiden dann Pause um Pause hinterhergelatscht. Aber wir haben kaum miteinander gesprochen...!"„Und sonst...?!"„Ach, Alexa hat mir gestern so ´ne fiese Falle gestellt, sodass ich mich dann fast mit Leila zerstritten hätte. Aber jetzt hab’ ich ´ne Verabredung mit ihr. Morgen, um elf...!„Schade, aber cool!", meinte Bill. „Warum schade?", fragte ich irritiert. „Deswegen ruf’ ich eigentlich an...! Tom und ich, wir kommen morgen schon wieder nach Hamburg...!"„Morgen?!", ich konnte meine Freude darüber nicht verbergen. „Ja, aber wenn du schon mit Leila verabredet bist...!", er klang ein bisschen niedergeschlagen und enttäuscht. „Ja, schon...! Aber wir könnten uns doch so um drei treffen oder so...!"„Ja, schon! Aber das mit Leila ist doch viel wichtiger!"„Aber dich habe ich jetzt auch lange nicht gesehen!"„Okay, okay...!", gab er nach. „Also, wenn du kannst, kommst du in den Park zu Bank. Aber nicht hetzen...! Und Leila ist wichtiger...!"„Okay", sagte ich happy. Ich war froh, dass ich jetzt mal das erreicht hatte, was ich wollte.„Ich muss dir dann auch noch was sagen!"„Was denn?", fragte ich neugierig. „Na, das sag’ ich dir ja dann!"„Und warum nicht jetzt?"„Ach, das kann ich dir irgendwie nur von Angesicht zu Angesicht sagen...! Bitte versteh’ das, Lana! Und frag’ auch nicht weiter...!"„Na, gut!", gab ich es auf. Bills Stimme hatte schwerfällig geklungen. Diese Sache, die er mir sagen wollte, schien wirklich ernst zu sein. Und deswegen beließ ich es auch einfach dabei.„Okay, also, dann bis morgen! Ciao...!"„Tschüss...", sagte ich und legte auf. Dieses Gespräch hatte mich nachdenklich gemacht. Und es hatte auch wieder einmal daran erinnert, dass nicht nur ich meine Probleme hatte. Sondern eben auch andere Menschen. In diesem Fall Bill. Und ich erkannte, dass mein Egoismus zu meinen größten Macken gehörte. Aber diese Macken hatte nun mal jeder.Danach beendete ich meinen Tagebucheintrag und überlegte mir weiter eine Strategie für den folgenden Tag. Für dieses ungemein wichtige Treffen mit Leila.Vor dem Schlafen duschte ich. Mein Vater kam nach Hause, als ich mich gerade abtrocknete. Das hörte ich. Und ich wollte mich gerade anziehen, als er mit großer Kraft gegen die Tür schlug und rief: „Komm’ sofort da raus, Lana!"„Ich bin aber...aber gar nicht angezogen...!", antwortete ich mit zittriger Stimme. „Umso besser...!", er lachte höhnisch auf.
Teil 20
Wieder verging er sich an mir. Wieder drang er gewaltsam in mich ein. Und wieder zeigte er keinerlei Skrupel. Es war so schmerzhaft. Ich wollte es nicht mehr...! Ich wollte das nicht noch ein einziges Mal erleben. Ich hasste es. Ich hasste ihn! Ich wollte nicht mehr!Mir schien es, als tat er es die ganze Nacht hindurch. Und als ich dann endlich müde ins Bett konnte, war es auch fast drei Uhr in der Frühe. Eigentlich hätte ich nach einer solchen Situation nicht einschlafen können, aber ich war einfach zu geschafft von diesem Tag.Am nächsten Morgen duschte ich wieder. Lange. Ich hatte mich nach dem Aufwachen so furchtbar dreckig gefühlt. Ich ekelte mich vor meinem eigenen Körpergeruch und bekam sogar ein bisschen Brachreiz, als ich im Bad kurz in den Spiegel blickte.Danach schrieb ich Tagebuch, weil ich die ganze Zeit an nichts Anderes denken konnte als an die zurückliegende Nacht:Liebes Tagebuch,Mir geht’s total schlecht. Als ob der Tag gestern nicht schon ereignisreich genug gewesen wär’, kam gestern gleich noch was Schlimmes dazu. Mein Vater?! Na, wer auch sonst?!Ich war gerade fertig mit Duschen, als ich die Wohnungstür zuschlagen hörte. Und als ich mich abgetrocknet hab’, ruft mein Vater plötzlich nach mir. Ich bekam gleich Angst. Angst, dass er sich mal wieder an mir vergehen würde. Zu Recht leider. Ich sagte ihm, dass ich noch nicht angezogen war. Umso besser. Ja, das sagte er tatsächlich.Und so hatte er diesmal leichtes Spiel. Ich konnte es nicht noch hinauszögern, indem ich mich beim Ausziehen wehrte. Das fiel diesmal aus. Ich wehrte mich, so gut es ging, aber er schaffte es wieder. Und danach hatte ich auch keine Kraft mehr, das noch ein einziges Mal zu durchleben. Und ich will das auch nicht mehr! Ich hasse es! Und ich hasse Papa! Warum tut er mir das bloß an? Was habe ich ihm getan? Wofür hab’ ich das verdient?!Egal, welche Antworten all diese Fragen haben möchten, ich will es jetzt einfach echt nicht mehr! Es tut so weh. Und eben nicht nur körperlich.Ich mach’ mich jetzt fertig und geh’ dann zu Leila. Ich hoffe, sie hat ein offenes Ohr für mich. Und hinterher treff’ ich mich ja noch mit Bill. Ich freue mich, ihn endlich wiederzusehen, und ich bin gespannt, was er mir sagen will.Na, ich werd’s dir auf jeden Fall erzählen! Bis nachher,Deine LanaDanach machte ich mich so weit fertig und auf den Weg zu Leila. In der Hoffnung auf ein vernünftiges und lösendes Gespräch.Ich klingelte an der Tür, ziemlich nervös. Leilas Mutter öffnete mir wie auch beim letzten Mal die Tür. „Hallo, Lana! Leila hat gesagt, dass du heute kommst...! Schon, dass du da bist!"„Danke...! Danke..."„Leila ist oben in ihrem Zimmer, sie wartet schon auf dich...!"„Danke...!", ich wollte mich gerade umwenden und zu Leila nach oben gehen, als es wiederum an der Tür klingelte. Leilas Mutter machte sie auf und begrüßte – traurig, aber wahr – meine Erzfeindin, wie ich sie mittlerweile schon nannte. Alexa.Mein Gesichtsausdruck ging von rosa vor Freude und Aufregung in dunkelrot vor Überraschung, Wut und Verwirrung über. „Was machst du denn hier?!", fragte ich. Das „Du" ziemlich betont. Wütend.„Ich besuche meine beste Freundin!", sagte sie und lächelte mich schadenfroh an. Ihr Hass auf mich schlug auf mich ein wie ein heftiger Windstoß bei einem Sturm. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Und ich bezweifelte, dass ich, wenn ich gekonnt hätte, einen To herausbekommen hätte.Ich versuchte, mir im Kopf immer wieder zu sagen, dass das nicht wahr war. Aber es nutzte nichts. Denn als ich die Treppe hinaufstieg, hörte ich immer noch deutlich Alexas Schritte hinter mir. Und dann betraten wir nacheinander Leilas Zimmer.„Hi, Babe!", begrüßte Alexa sie hinter mir. Und als ich dann in Leilas Gesicht blickte, war nicht zu verkennen, dass sie nicht minder überrascht war von Alexas Anwesenheit wie ich.„Was machst du denn hier?!", wandte sie sich direkt an Alexa. „Du solltest doch erst um ein Uhr kommen...!"„Na, ich hatte eben nichts zu tun", meinte sie mit einem künstlerischen Honigsüß-Lächeln, „und da dachte ich, zwei Stunden mehr oder weniger machen’s auch nicht aus!", ich ekelte mich jetzt fast vor Alexas scheinheiligem und zugleich schadenfrohem Gesicht. „Stör’ ich denn...? Soll ich wieder gehen...?", fragte sie nun auch noch mit ihrer peinlich hohen Engelsstimme. Aber klar fiel Leila darauf rein: „Nein, nein, kein Problem! Bleib’ ruhig!", je mehr Alexa grinste, hasste ich sie und verlogenen Charakter. Ich spürte, wie ich mich innerlich völlig aufregte. Doch ich wusste, dass das Schlimmste, was ich jetzt bringen konnte, war, auf 180 zu sein.„Wollten wir nicht reden?", fragte ich mit bemüht ruhiger Stimme und versuchte, Alexa zu ignorieren. „Es ist doch nichts Geheimes!", sagte Alexa schlicht und linste wieder rüber zu Alexa. Sie schien Leila vollkommen im Griff zu haben. Sie gehorchte ihr praktisch aufs Wort und tat nichts mehr von sich selbst aus. Fast nichts.„Ich möchte aber nicht, dass Alexa dabei ist...!", versuchte ich es. „Sie ist meine Freundin! Ob du es nun willst oder nicht...!", das lief hier alles ganz gegen meinen Plan. Das lief in die völlig falsche Richtung. Irgendwohin. Vielleicht mal wieder Richtung Fiasko, wenn man von meinem üblichen Glück ausging. Jedenfalls gefiel mir das alles ganz und gar nicht. Und eben besonders Alexas Anwesenheit.„Mann, Leila...!", ich setzte jetzt aufs Ganze und ließ die Anwesenheit meiner Erzfeindin völlig außer Betracht. „...Er hat es wieder getan...! Du weißt schon...!", Leila blickte mich zuerst irritiert, dann mitleidig an. Dann wandte sie ihren Kopf kurz zu Alexa und dann...„Hör’ auf, mich mit deinen Problemen zu bequatschen!", schrie sie. „Du bist nicht mehr meine Freundin! Du warst NIE meine Freundin! Verschwinde aus meinem Leben!", ich wusste nicht zu reagieren. Ich spürte nur meine Tränen die Wange hinunterkullern. Und ab da sah ich Leila und Alexa nur noch verschwommen.
Teil 21
Irgendwann, nach einer halben Ewigkeit, so kam es mir vor, wandte ich mich ab. Völlig aufgelöst rannte ich die Treppe hinunter und hörte noch mal einen Ruf aus Alexas Mund hinter mir: „Verpiss’ dich!", doch das brauchte mir niemand mehr zu sagen. Ich war schon weg. Ich rannte weg. Nach Hause. Es dauerte nicht lange. Mein Vater war wieder auf der Arbeit, zum Glück.Ich wusch mir das Gesicht und versuchte, mich zu beruhigen, aber das brachte alles nicht viel. Die Tränen flossen weiter. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich brauchte jemanden zum Reden. Und genau jetzt war mein Tagebuch völlig unbrauchbar.Ich beschloss rauszugehen, weil ich es in der geschlossenen Wohnung nicht mehr aushielt. Alles schien so drückend. Und so hallte auch immer wieder eine fremde Stimme in meinem Kopf wider: „Du hast sie verloren! Du hast sie verloren...! Du hast SIE verloren!", ich hielt es einfach nicht mehr aus.Doch draußen wurde es auch nicht viel besser. Ich machte mich zu Fuß auf den Weg in den Park. Der Einzige, mit dem ich in dieser Situation reden konnte, war Bill. Also, los in den Park.Ich joggte und so war in einer knappen Stunde da. Es war jetzt fast halb zwölf. Noch über drei Stunden bis zu unserer Verabredung. Wie sollte ich das bloß überleben? Ich war deprimiert, immer noch ein paar Tränen im Gesicht. Ich verstand die ganze Welt nicht mehr! Ich hatte Leila durch eine Intrige verloren! Ich glaubte es nicht! Ich wollte es auch nicht glauben. Ich hatte die wichtigste Person in meinem Leben verloren. Einfach so. Wegen dieser dummen Alexa. Alexa, die ich so sehr hasste. Wirklich abgründig hasste. Sie hatte Leilas und meine Freundschaft zerstört. Sie hatte durch Lügen dafür gesorgt, dass ich meine einzige und beste Freundin verloren hatte. Und das alles war erst eine Stunde zuvor geschehen.Ich konnte nicht an Leila denken, denn jeder Gedanke an sie schien mein Herz verkrampfen zu lassen und tat furchtbar weh. Ich wollte nicht an sie denken, aber mein Kopf ließ es nicht zu. Zwar hatte ich mittlerweile aufgehört zu weinen, aber nur aus Scham, wenn ich jetzt jemandem begegnen würde, den ich kannte.Ich blickte hinaus auf den kleinen See des Parks. Die Ferne. Diese Unendlichkeit. Das ließ meine Gedanken darum kreisen, wie es jetzt weitergehen sollte. So ohne Leila. Besonders in der Klasse. Und was würde sich sonst noch ändern? Kein Rückhalt mehr außer Bill, der nicht viel Zeit für mich hatte. Klar, dafür konnte er nichts. Aber ohne Leila fehlte doch ein großes Stück in meinem Leben. Und dieses große Loch vermochte noch nicht einmal Bill zu verschließen. Es war einfach immer wieder dieses Bewusstsein, welche Rolle Leila in meinem Leben gespielt hatte und dass ich sie nun für immer verloren hatte. Das alles nahm mir echt fast meine letzte Kraft. Und das Schlimmste war es, keine Ahnung zu haben, wie es in meinem Leben weitergehen sollte. Da war einfach kein Licht am Ende des Tunnels und...„...Ich muss dir was sagen, Lana...! Also, ich...ich hab’ mich in dich...", ich hatte das im Unterbewusstsein wahrgenommen. Und jetzt erkannte ich auch die Stimme. „Bill...! Hey...!", nun blickte ich auf. Und er schaute mich auch erschreckt an. „Hi...", ich war mir sicher, dass er gestottert hätte, wenn es mehr nur als ein Wort zu sagen gehabt hätte, denn er wirkte gewaltig unsicherer als sonst. Und total nervös.„Was ist los? Warum bist du schon hier?", fragte ich. „Ach, ein bisschen Luft schnappen und die Beine vertreten...!", meinte er etwas lockerer und entspannter. „Was ist mit dir? Warum bist du schon hier?", er musterte mich kurz. „Du siehst ziemlich traurig aus. Ist was passiert?"„Nein, nein...", blockte ich sofort ab. Ich war irgendwie noch nicht bereit, Bill zu sagen, was geschehen war. Ich war einfach gerade noch nicht darauf vorbereitet. „Was wolltest du mir eigentlich sagen?", fragte ich. Bill wurde noch mal nervöser und blickte sich nervös um. „Ähm..., komm’, lass’ uns dahinsetzen, okay?!", ich war irritiert, nickte aber und folgte ihm dann zu einer leeren Bank am Seeufer. Die vielen dunklen Wolken am Himmel spiegelten sich im Wasser.Bill setzte sich mir gegenüber und blickte mich nervös. Ich ihn hingegen aufmerksam und versuchte so, ihn ein bisschen zu beruhigen.„Also..., äh...", ging er an. „Ich muss dir zwei Sachen sagen...!"„Na, dann mal los!", ermunterte ich ihn. „Also, das Erste ist..., also..., da geht’s um meine Arbeit...! Du...du weißt ja, dass ich nie so oft in Hamburg sein kann...! Das ist wegen meiner Arbeit...!", okay, so weit war ich dann wohl auch schon gekommen. „Ja, und das ist eben auch keine normale Arbeit!", das hatte ich mir auch schon gedacht. „Also..., okay..., also...pass’ auf...! Ich mach’s kurz...! Ich bin nicht unbekannt!"„Wie?!", fragte ich pikiert. „Ich bin Bill, Bill Kaulitz. Du weißt schon. Der von Tokio Hotel!", ich sah ihn fassungslos an. „Wie bitte?!"„Ich konnte es dir nicht sagen...! Du weißt doch bestimmt, wie unsere Fans so sind...!"„Deswegen hast du dich auch immer so vermummt!", stellte ich fest. Doch ich redet einfach nur so, um den schock zu verarbeiten. Es war unfassbar für mich. Ich glaubte es nicht. Ich glaubte nicht, dass der Junge, der da vor mir saß und ganz normal zu sein schien, mal abgesehen von seinem merkwürdigen Kleidungsstil, was ja jetzt auch geklärt war, ein Star war. Teenie-Schwarm vieler Mädchen. Und mehr wusste ich auch nicht über ihn.„Aber das heißt nicht, dass wir nicht Freunde bleiben...! Ich bin immer für dich da...! Nur wollte ich dir das halt erklären, warum ich nicht so oft in Hamburg bin...!", ich und realisierte das alles noch, aber ich war mehr damit beschäftigt, erst mal die Tatsache zu begreifen, dass ich all meine Sorgen einem Teenie-Star anvertraut hatte. Und nun dämmerte mir auch langsam alles. Tom, das war Bills Zwillingsbruder, war der Gitarrist von Tokio Hotel, so viel wusste ich.Ich hatte kaum Zeit zum Nachdenken, denn Bill machte auch schon weiter: „Und dann gibt’s da noch eine Sache, die ich dir sagen muss...", ich blickte ihn wieder an. Er diesmal sicherer, ich genau das Gegenteil. „Also, es wird sich dadurch nichts an unserem Verhältnis ändern...! Ich werde dir weiter helfen, aber ich halt’ das so einfach nicht mehr länger aus...!"„Was denn?", ich fragte das besorgt. „Ich...also, ich...muss..., du bist mir in letzter Zeit wichtig geworden...! Ich...ich habe mit dir gelitten, wenn du geweint hast...! Ich...ich kann es nicht mit ansehen, dass dir sonst niemand hilft. Du bist mir ans Herz...Herz gewachsen. Und...ich empfinde nicht nur Freundschaftliches für dich, Lana...! Ich...ich...ich hab’ mich in dich verliebt...!", diese letzten Worte drangen nur langsam in mein Gehirn vor. Und als ich dann begriffen hatte, was Bill gesagt hatte, suchte ich verzweifelt nach einem Ausweg in der Aussage. Aber da gab es keinen. Und irgendwann blickte ich dann panisch in Bills Gesicht. Zu Bill. Zu ihm, der in mich verliebt war. Würde er mir noch helfen wollen, wenn ich nein sagen würde...?! Nein, niemand an seiner Stelle würde das. NIEMAND!
Teil 22
Ich sprang auf, sah Bill noch einmal an und rannte dann weg. Einfach nur weg. Weit weg von Bill. Nach Hause. Ich rannte. Und zu allem Unglück an diesem tag fing es dann auch noch an zu regnen.Welchen Ausweg gab es noch?! Immer wieder hallte die Frage in meinem Kopf wider. Was ging jetzt noch?! Wie sollte es weitergehen? Konnte ein Leben, wie meines es war, überhaupt noch weitergehen? Ohne Leila? Und ohne Bill?!Panisch schloss ich die Wohnungstür auf. Die Stille verriet mir, dass mein Vater nicht da war. Mein Vater...Das erinnerte mich an die letzte Nacht. Die letzte Nacht, die so furchtbar gewesen war. Schlimmer als alle zuvor. Und ich war davon überzeugt, dass er es immer und immer wieder tun würde. Immer wieder. Er würde nicht aufhören. Er würde immer weitermachen! Er würde nicht mehr aufhören, wenn meine Mutter nicht wiederkommen würde. Und das würde sie nicht.Was also tun? Keine Hilfe in der Familie, eher noch mehr Belastung. Meine Klasse – das ging auch nicht mehr! Bill in mich verlieb und schließlich auch noch ein Star – er konnte und wollte mir sicher auch nicht mehr helfen! Wohin also? Welcher Ausweg bleibt? Was ist möglich? Oder eher was nicht...?!Das war ein Labyrinth ohne Ausgang. Undurchdringbar. Es ging nicht mehr. Nichts ging mehr. Kein Ausweg. Nichts. Keine Hilfe. Nur noch mehr Schmerz. Mehr Leid. Und immer noch kein Ende.Ich fasste einen Entschluss. Einen Entschluss des Lebens. Es ging nicht mehr. Nichts ging mehr. Es gab keinen Ausweg aus diesem Labyrinth, meinem Leben. Niemand konnte und wollte mir helfen. Niemand. Und mein Vater würde mir weiter Schmerz und Leid bereiten. Nein, das wollte ich nicht. Es ging wirklich nicht mehr! Das Ende musste kommen...!Ich kümmerte mich um ein paar Sachen, die ich hinterlassen wollte, sah noch einmal – zu letzten Mal – mein Zimmer an. Alle Erinnerungen. Ein Bild meiner Mutter. Ich es fast zehn Minuten schweigend in den Händen. Zuletzt nahm ich noch einmal mein Kuscheltier in die Hand, legte meine Hinterlassenschaften auf den Wohnzimmertisch, die auf jeden Fall entdecket werden sollten, Sachen mit großer Bedeutung. Zur Erklärung...Dann nahm ich sie. Die Rasierklingen. Aus dem Schrank meines Vaters. Ich stand direkt neben der Wohnungstür. Das Erste, was meine Vater sehen würde, wenn heimkommen würde, würde ich sein.Ich blickte auf die Rasierklinge. Sie glitzerte im Licht von draußen. Ich konnte mich darin spiegeln. Ein letztes Mal.Ich musste es jetzt tun. Dem Ganzen ein Ende setzen. Einfach allem. Dem Schmerz. Dem Leid. Der Hoffnungslosigkeit. Dem Alleinsein. Das hier war der einzige Weg.Ich schaute noch einmal zum Tisch. Zum Hinterlassenen. Und ich fing an. Ich nahm meinen linken Arm. In der rechten Hand die Rasierklinge. Ich setzte sie auf die Haut auf. Noch einmal dachte ich an mein Leben zurück. Der Tod meiner Mutter. Die Demütigungen meines Vaters. Ich hatte Leila verloren. Und da war niemand mehr, der half. Niemand mehr, der ein Rückhalt sein wollte. NIEMAND...Ich stach zu. Ich sah das erste Blut. Ich zog die Rasierklinge meinen Unterarm entlang. Noch mehr Blut. Viel Blut. Rot. Ich spürte keinen Schmerz. Nicht wirklich. Es war nur der Preis dafür, dass ich nicht weiter dieses miserable Leben erleiden musste. Ich wollte es. Ich zog die Haut an der Schnittstelle auseinander Ich fiel zu Boden. Es blutete mehr. Und mehr.Nun war alles schnell vorbei. Alles vorbei. Der Schmerz. Das Leid. Mein Leben...Mein Blick vernebelte sich und ich sah nicht mehr scharf. Dann war alles vorbei. Alles wurde schwarz. Und dann weiß und immer weißer...Zur gleichen Zeit irgendwo in Hamburg:„Mann, Bill...! Kannst du nicht mal ruhig sitzen bleiben?", Tom sah seinen Bruder irritiert und genervt an. „Nein, mann! Ich hab’ echt Angst um sie! Ich weiß nicht, was sie jetzt macht! Ich hab’ Angst, dass sie irgendwas Unüberlegtes tut!"„Du hast echt Gedanken! Die war doch nur ein bisschen vom Hocker, weil Deutschlands Teenie-Star Nummer eins auf sie fliegt...!"„Na, du bist gut...! Mann, nein, nein...! So ist Lana nicht...! Da ist irgendwas ganz faul, das merk’ ich. Ich hab’ echt ein übles Gefühl!"„Du hast Nerven! Mach’ dir doch nicht solche Gedanken!"„Doch, tu’ ich aber...! So, und ich geh’ jetzt noch mal in den Park. Sag’ das David, ja?!"„Warum willst du denn schon wieder in den Park gehen?! Was willst du da?!"„Vielleicht ist sie da...!"„Lana...?! Nein, ganz sicher nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen...!", meinte Tom, aber Bill ließ sich nicht beirren und machte sich unkenntlich. Schminke ab und merkwürdige Klamotten an.Im Park angekommen lief Bill zuerst ein paar Runden und schaute besonders an den Plätzen, wo er sich immer mit Lana getroffen hatte. Aber nichts. Er fand sie nicht. Ihm wurde total unwohl. Er wurde nervös und blickte dauernd um sich. Wo war Lana bloß?! Hoffentlich hat sie sich nichts angetan, dachte er verzweifelt. Er wollte ihr doch noch alles erklären. Warum war sie vorhin bloß weggelaufen? Bitte lass’ sie doch auftauchen, lass’ sie doch bitte vor mir auftauchen, bitte, betete Bill verzweifelt. Bitte lass’...Warum rief er sie eigentlich nicht einfach an?! Oh, mann! Warum war er darauf nicht schon eher gekommen? Wie hirnrissig!Er zückte sein Handy so hektisch, dass es ihm fast hinfiel. Zittrig ging er im Nummernverzeichnis auf „Lana" und wählte an. Es tutete. Mindestens fünfmal.Bitte lass’ sie doch rangehen, dachte Bill. Bitte...!Zehnmal. Bill war kurz davor aufzulegen. Alle Hoffnung verloren. Die Frage auf der Zunge, was passiert war...„Ja?!", da ging plötzlich eine verheulte Mädchenstimme dran. „Lana, bist du das?", fragte Bill hoffnungsvoll. „Nein...", das Mädchen stieß einen mächtigen Schluchzer aus, schniefte laut und schluchzte wieder, „nein, ich bin Leila...! Ihre Freundin!"„Warum hast du denn ihr Handy?", wollte Bill wissen. Er hatte eine dunkle Vorahnung und doch war da noch dieser kleinen Funken Hoffnung, an den er sich so klammerte.„Sie...sie ist..., Moment mal...! Wer bist du überhaupt...?!"„Ich bin ihr Freund, also, rein freundschaftlich...!"„Sie hat nie was von dir erwähnt...!"„Kann sein...! Aber bitte sag’ mir, was los ist! Ich mach’ mir totale Sorgen. Wie geht es ihr...?"
Teil 23
„Sie...sie...sie ist tot, sie hat sich umgebracht!", es klang für Bill so, als wollte diese Leila das schnell hinters ich bringen. Und umso schlimmer war wes für ihn.Er realisierte es sofort. Er war einen Moment wie versteinert. Unfähig, sich zu rühren. Sein Herz schien gebrochen, es tat weh. Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Lanas Gesicht direkt vor Augen...Der Schock. Er ließ Bill völlig aus seiner Form kommen. Die ersten Tränen kullerten seine Wangen hinunter.„Wie...wie hat sie es getan?", fragte er, bemüht, sich ruhig zu halten. Doch es war ihm wichtig, die Einzelheiten zu wissen. „Pulsader..."„Wann?"„Vorhin..., heute Nachmittag...", Bill nahm alles auf, aber er wollte es einfach nicht glauben. Auch wenn er in seinem Tiefsten schon wusste, dass es zu spät war. Sein Herz schmerzte und er fühlte sich, als hätte er seinen Körper verlassen. Unwohl in seiner eigenen Haut. Immer wieder sagte er sich in Gedanken vor, dass das nicht wahr sein konnte. Es darf einfach nicht wahr sein, dachte er völlig verzweifelt.„...Sie...sie", erhob ihre Freundin wieder die Stimme, „sie hat ihr Tagebuch und zwei Briefe hinterlassen...!"„Zwei Briefe?", Bill schniefte einmal und würde hellhörig. „Ja, einen an mich und einen an einen gewissen Bill...! Ach, das klingt irgendwie nach Tokio Hotel...!"„Ja, das bin ich!"„Was?!"„Bill...!"„Na, dann ist der Brief für dich!"„Ich komme ihn holen! Wo muss ich hin?", Leila gab ihm bereitwillig Lanas Adresse.Noch völlig aufgelöst machte Bill sich auf den Weg dorthin. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da hatte er das Haus schon erreicht. Ein Leichenwagen fuhr gerade ab. Bill nahm auch zum Teil erst dadurch richtig wahr, was eigentlich geschehen war. Und wieder rollten Tränen über seine Wangen. Der Gedanke daran, dass in diesem Leichenwagen gerade eben Leila – tot – gelegen haben sollte, schüttelte ihn richtig. Lana war tot. Tatsächlich tot. Sie hatte sich umgebracht. Warum bloß?! Warum?! War er Schuld?! Wenn er das dachte, bekam er ein furchtbares Gefühl! Und dabei liebte er sie doch! Und nun hatte er sie womöglich umgebracht!Es klingelte. Die Tür ging auf. Ein Mädchen hatte sie ihm aufgemacht. Wortlos drehte sie sich um, mit einer Geste zu Bill, ihr zu folgen. ER tat es.Es ging in den zweiten Stock zu einer offenen Wohnungstür. Und da war überall......Blut. Überall nur Blut. Bill erschrak. Hier musste sie es getan haben. Da hatte Lana es getan.„Ihr Vater hat sie entdeckt...!", kam’s schniefend von Leila. „Mit einer Rasierklinge neben sich...!", sie trat über die großen, halb weggewischten Blutflecken. Bill tat es ebenfalls. Sorgfältig darauf bedacht, nicht ins übrige Blut zu treten.„Hier...!", Leila war zu einem der Tische getreten, dem größeren, und hatte ein paar Sachen aufgehoben. „Der ist für dich. Das ist meiner...!", sie reichte ihm seinen. „Ich hab’s auch noch nicht gelesen...! Ich hab’ mich bis jetzt einfach nicht getraut...!", Bill nahm den Brief aus ihrer Hand. „Willst du auch das Tagebuch lesen...? Das kann ich nicht!", Bill nahm auch das Tagebuch. Leila trat zur Seite und riss den Umschlag mit ihrem Namen auf. Sie traute sich kaum. Immer noch ängstlich vor dem, was darin stand. Zittrig faltete sie den Zettel auseinander und las:Liebe Leila,Es tut mir Leid! Aber es gab einfach keinen anderen Ausweg für mich!Es gab in meinem Leben nichts mehr, was es noch lebenswert gemacht hätte. Ich hatte dich verloren und dann hatte ich auch niemandem zum Reden mehr. Ich bin nich’ ich, wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht kommt dir das bekannt vor.Es wäre schön gewesen, wenn du dich auch mal um mich und meine Probleme gekümmert hättest, als um alberne neue Bands wie Tokio Hotel. Aber du wolltest mit meinen Problemen nichts zu tun haben und hast dir eine neue Freundin gesucht. Ich weiß nicht, ob du weißt, was das für mich bedeutet hat, dich zu verlieren. Und dein Satz heute Morgen, dass ich nie deine Freundin war, hat mir den Rest gegeben. Ich weiß, dass du die Zeit jetzt am liebsten zurückdrehen möchtest und dich entschuldigen würdest. Aber das würde jeder Mensch an deiner Stelle. Und ich hätte machen können, was ich wollte. Es hätte dich nicht mehr interessiert. Leugne es nicht sofort, sondern denk’ einfach mal drüber nach!Ich habe noch einen Wunsch. Ich weiß nicht, wie es so weit gekommen ist, aber Alexa hat dich vollkommen im Griff, auch wenn du das möglicherweise nicht wahrhaben willst. Doch du würdest für sie alles tun! Ich habe nur noch das Verlangen, dir hiermit zu sagen, dass sie unsere Freundschaft zerstört hat. Sie war daran Schuld! SIE! Ich hoffe, du begreifst endlich, was für ein grausamer Mensch sie ist und dass ihr Charakter einfach jeder Beschreibung spottet. Bitte gib dich nicht weiter mit ihr ab! Ich bitte dich eindringlich darum.Wenn das nächste Mal jemand Probleme hat wie ich, und möge es dein größter Feind sein, bitte hilf ihm. Bitte lerne aus deinen Fehlern. So kannst du alles wieder gut machen. Wenigstens zum Teil...Du warst der wichtigste Mensch, in meinem Leben, bis heute Mittag, doch du wolltest es nicht sein. Du wolltest es einfach sein. Du wolltest nicht. Warum bloß?!Ich möchte dich darum bitten, dass du Bill hilfst. Er wird dir sagen, wobei. Aber bitte tu’ es. Egal, wer er ist. Hilf ihm bei dem, was er tun soll. Und hilf ihm, dass er nicht weint. Es wäre verschenkte Kraft. Bitte...!Verzeih’ mir, was ich getan habe, aber so konnte es einfach nicht weitergehen, und das wäre es, wenn ich nicht gegangen wäre. Ich weiß, dass ich dir sehr wehgetan habe, aber das hast du mir auch. Und ich denke, das weißt du auch zweifellos.Zuletzt möchte ich dich noch darum bitten, dass du mich nicht vergisst. Ich habe dich in meinem Herzen eingeschlossen. Für immer...Ich wünsche dir ein schönes Leben und ich bin mir sicher, du wirst es in Zukunft besser machen. Ich wünsche dir alles Glück der Welt. Danke für die schönen Stunden, die wir zusammen hatten.Bitte denk’ an mich. Dann ist da wenigstens ein Mensch mehr auf der Welt, der sich mal um die Lana schert. Um diese Lana ohne Hoffnung! Bitte glaub’ an mich!Lebe wohl, Leila! Ich hab’ dich lieb...für immer...!Irgendwann werden wir uns wiedersehen! Ich werde auf dich warten und ich bin mir sicher, das wird noch lange dauern.Bis im Himmel,Dein Engel Lana
Und Bill las ebenso:
Teil 24
Lieber Bill,Es tut mir Leid! Aber es gab einfach keinen anderen Ausweg für mich!Es gab in meinem Leben nichts mehr, was es noch lebenswert gemacht hätte. Ich hatte Leila verloren. Verloren durch die Lügen von Alexa. Und dann bist du auch noch in mich verliebt und ein Star. Das hat mir den Rest gegeben. Ich weiß gleichwohl, dass ich dir damit das Herz gebrochen habe. Und eigentlich war es immer mein Traum, das niemals zu tun, weil ich weiß, wie weh es tut. Aber es ging einfach nicht mehr weiter für mich. Nicht in diesem Leben.Leila hatte ich schon früh verloren, das weiß ich jetzt. Und dann warst nur noch du da zum Reden. Du hast mich getröstet, mich immer wieder aufgebaut. Dafür danke ich dir. Doch am Ende ging einfach nichts mehr. Ich weiß nicht, ob du das verstehst, aber ich hoffe es doch ein bisschen. Ich hab’ dich immer sehr gemocht und du bist ein wichtiger Mensch in meinem Leben geworden. Und bis zum Ende der wichtigste überhaupt. Ich bin froh, dass ich dich kennen gelernt habe. Aber ich habe für dich nie mehr Zuneigung empfunden als wie für einen guten Freund zum Reden. Ich hatte Angst dich zu verlieren. Dadurch dass ich dich nicht will. Und außerdem hättest du jetzt langsam keine Zeit mehr für mich gefunden, wegen deiner Karriere. Vielleicht liege ich auch mit alldem falsch, aber so ist meine Ansicht.Bitte gib dir nicht die Schuld daran. Es war meine eigene Entscheidung zu gehen und ich hielt es einfach für die beste.Ich möchte, dass du meinen Vater anzeigst. Du bist der Einzige, der alles darüber weiß. Nimm mein Tagebuch als Beweis. Ich will aber, dass er nicht so lange ins Gefängnis geht. Er konnte doch nichts dafür. Mama ist gegangen und das war der Auslöser. Bitte tu’ mir den einen Gefallen. Leila wird dir helfen.Bitte bleib’ so, wie du bist. Du bist ein wundervoller Mensch. Und vielleicht hätten wir uns einfach nur besser kennen müssen und dann hätte ich auch etwas Anderes als nur Freundschaft für dich empfunden. Aber so weit hat man mich nicht kommen lassen. Zu viel Widerstand. Zu viele Hindernisse, die ich einfach nicht überwinden wollte.Bitte verzeih’ mir, was ich getan habe, aber es ging einfach nicht anders. Ich konnte einfach nicht mehr. Bitte weine nicht um mich!Du warst der großartigste Mensch, dem ich jemals in meinem Leben begegnet. Mir ist klar, dass ich dir so zweifellos das Herz gebrochen habe. Aber es war der einzige Ausweg. Auch wenn du das bestimmt anders siehst. Du hättest mir aber nicht helfen wollen, weil ich dich nicht wollte – als Freund. Es tut mir Leid.Bitte vermiss’ mich nicht allzu sehr. Ich werde dich immer in meinem Herzen tragen. Du warst mir am wichtigsten. Ich werde dich niemals vergessen. Ich glaube an dich! Du wirst weit kommen! Und ich weiß, dass du irgendwann die Eine finden wirst, die dir ebenso viel Liebe schenken kann, wie du sie mir schenken wolltest.Bitte verzeih’ mir ein letztes Mal. Viel Glück bei dem Prozess gegen meinen Vater. Und ganz besonders wünsche ich dir Glück in deinem Leben! Ich weiß, du wirst es grandios meistern! Dazu bist du so liebenswert! Mach’ weiter so und hilf den Menschen. Du bist wie Engel. Und dabei dachte ich immer, es gäbe keine Engel auf Erden. Aber du bist einer!Ich werde dich vermissen, doch ich werde dich niemals aus meinem Herzen gehen lassen. Du warst das Alles und das Nichts in meinem Leben. Ich habe dich sehr gemocht. Ohne dich wäre ich total verzweifelt. Es ist ein Wunder, dass es dich gibt! Du bist ein ENGEL! Schenk’ der Menschheit deine Liebe und dein Licht!Lebe wohl!Ich weiß, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden, aber ich werde warten. Und wenn es ewig dauert und das hoffe ich. Denn du bist ein Engel. Aber auch irgendwann kommen die Engel zurück in den Himmel. Aber du bist unendlich...Ich werde immer an dich denken und auf dich hinunterschauen. Ich warte, bis du kommst!Es tut mir so Leid. Ich wollte so einem Menschen wie dir eigentlich nicht das Herz brechen, aber ich musste es...! Ich schäme mich dafür!Danke für alles, was du je für mich getan hast. Danke für deine Unterstützung. Danke für deine Liebe, die ich nicht erwidern konnte. Danke für alles...!Bitte weine nicht um mich!Ich vermisse dich für immer,Deine Lana
P.S.: Du bist ein wunderbarer, junger Mann! Mach’ was draus! Ich werde immer bei dir sein. Mit meinem Herzen...
Bill blinzelte, um die Tränen, die sich jetzt schon zum zigsten Mal wieder in seinen Augen gebildet hatten, loszuwerden. Er war gerührt von dem, was Lana geschrieben hatte. Aber es tat so weh. Im Herzen. In der Seele. Und alles schien noch so unwirklich. Es war, als stände Lana immer noch neben ihm. Als hätte sie ihm diesen Brief vorgelesen. Doch sie war jetzt irgendwo da oben. Im Himmel. Wo es Liebe gab. Genug Liebe, um sie am Leben zu halten. Keinen Hass. Keinen Schmerz. Kein Leid. Das, was sie immer wollte. Und doch vermisste er sie. Er vermisste sie sehr...Nach ein paar weiteren Tränen, die er gleich wegwischte, legte er den Brief und den Umschlag zur Seite und schlug das Tagebuch auf. Auf den letzten Eintrag:
Liebes Tagebuch,Ich kann nicht mehr! Es ist alles vorbei! Ich kann wirklich nicht mehr...! Mit Leila lief alles schief, sie hasst mich! Bill ist nur Bill, sondern Bill Kaulitz von Tokio Hotel, dieser Teenie-Band. Und er liebt mich!Ich kann nicht mehr! Niemand kann mir oder will mir mehr helfen...! NIEMAND! Es ist alles aus! ALLES! Leila habe ich verloren. Und Bill – wenn ich ihn nicht will, wird er auch nicht mehr für mich da sein!Es ist alles schrecklich. Grausam. Furchtbar. Grauenvoll. Schlimm. Mein Leben! Es ist alles vorbei! Wirklich ALLES!
Ich gehe...
Gott, meine Flügel sind gebrochen – Bitte erlös’ mich von dem Fluch!
Montag, 24. September 2007
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